Aufrückzwang

Bei meinem Ausflug auf die Webseite des Saarländischen Schachverbands habe ich das Wort „Aufrückzwang“ entdeckt. Bislang war mir dieses Wort fremd. Deshalb hat es mich neugierig gemacht und schließlich derart fasziniert, dass ich darüber diesen Beitrag schreiben muss. Okay, wir Schachspieler kennen den „Zugzwang“, zu dem uns in Wirklichkeit keiner zwingt, aber ein Aufrücken von Mannschafts-kameraden zu erzwingen, die nicht beißen, sondern nur spielen wollen, ist ein Zeichen dafür, dass unsere Turnierordnungen ihr Hauptgewicht nicht auf die Förderung der Spielfreude legen, sondern darauf ausgelegt sind, jede Abweichung von der Norm mit Strafen zu belegen.

Ob die Saarländer die einzigen waren, die bislang den Aufrückzwang in ihrer Turnierordnung verankert hatten, weiß ich nicht, aber in der Regel sieht es in deutschen Turnierordnungen wie folgt aus:

Zulässig ist die Nichtbesetzung einzelner Bretter unter Namensnennung der fehlenden Spieler. Unzulässig ist die Nichtbesetzung einzelner Bretter ohne Namensnennung der fehlenden Spieler. (B 1.13 Turnierordnung Niedersachsen/Bremen)

Wer früher im Saarland einen Spieler für einen Mannschaftskampf gemeldet hatte, der dann – aus welchen Gründen auch immer – nicht antrat,  verlor auch alle Kämpfe der folgenden Bretter. Dass das zu unbilligen Härten führen kann, haben nun auch die Saarländer eingesehen, diese Regel nach einer öffentlichen Umfrage (Hört, Hört!) abgeschafft und den üblichen Gepflogenheiten angepasst.

Der Saarländische Schachverband hat rund 1.000 Mitglieder, davon sind 90 Prozent männlichen Geschlechts. Zum Vergleich: der Schachbezirk Hannover hat rund 1.400 Mitglieder.

Was ich von Einschränkungen der Spielfreude halte, die sich wie ein roter Faden durch fast alle Turnierordnungen (es gibt hunderte in Deutschland) ziehen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Manche Turnierordnungen lesen sich wie das Strafgesetzbuch. Zum Beispiel die des Berliner Schachverbands. Dort steht unter § 13 Meldungen und Ranglisten sage und schreibe 6 Mal, dass ein Spieler „gesperrt“ sei, wenn er abweichend von der Norm in einer Mannschaft seines Vereins Schachspielen möchte. Da kommt (Spiel)-Freude auf!

In der Turnierordnung des Saarländischen Schachverbands steht indes eine wichtige Regel, die aus unerfindlichen Gründen in Niedersachsen fehlt:

5.10 e) Alle Paarungen der Schlussrunde einer Klasse müssen gleichzeitig stattfinden.

Diese Regel macht wirklich Sinn. Übermorgen kommt es in der Verbandsliga Süd zur vorgezogenen Begegnung der Schlussrunde zwischen der SG WB Eilenriede und unserer 2. Mannschaft. Eigentlich ein Unding, aber wohl regelkonform.

24 Gedanken zu „Aufrückzwang“

  1. Das Vorziehen einer Begegnung ist nur mit Zustimmung beider Mannschaften möglich. Einen Vorteil daraus können allenfalls alle anderen Mannschaften der Staffel ziehen, weil sie das Ergebnis der vorgezogenen Begegnung kennen und daher besser abschätzen können, wie sie selbst in der Schlussrunde abschneiden müssen, um einen bestimmten Tabellenplatz zu erreichen. Das Vorziehen stellt damit nichts weiter als die Möglichkeit einer Selbstschädigung dar, niemand kann dazu gezwungen werden. Warum soll das ein Unding sein?

    Aufrückzwang gibt es meines Wissens auch in Baden.

  2. Ein Selbstschädigungsdelikt ist kein Kavaliersdelikt. „Der Niedersächsische Verband erblickt seine Aufgabe in der Pflege und Förderung des Schachspiels als sportliche Disziplin, die in besonderem Maße geeignet ist, der geistigen und charakterlichen Erziehung zu dienen.“ (Satzung 2.1) Die Förderung von Charakterschwächen gehört nicht dazu.

    Mannschaftskämpfe sind keine solitären Veranstaltungen, sondern Wettkämpfe, die Auswirkungen auf alle am Spielbetrieb beteiligten Mannschaften haben. Dazu gibt es z.B. eine bemerkenswerte Regel in der Turnierordnung des Schachbezirks Hannover:

    5.08 Wettkampfziel
    Das Wettkampfziel ist, den Mannschaftskampf zu gewinnen oder zumindest remis zu halten. Dazu sind angemessene Anstrengungen zu unternehmen. So ist es beispielsweise einer in Unterzahl angetretenen Mannschaft nicht gestattet, alle übrigen Partien ohne Weiteres remis zu geben und damit in eine Mannschafts-Niederlage einzuwilligen. Das Inkaufnehmen einer Niederlage ohne Gegenwehr ist unsportlich.

    Und führe uns nicht in Versuchung! Wenn ich genau weiß, welches Ergebnis meine Mannschaft erzielen muss, um aufzusteigen oder nicht abzusteigen, ist die Versuchung groß, ein solches mit unlauteren Mitteln herbeizuführen.

    Obwohl die Fußballbundesliga die Spieltage aus kommerziellen Gründen bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert hat, hält sie daran fest, die beiden letzten Spieltage zeitgleich abzuhalten. Alles andere wäre ein Unding.

  3. Wenn wir schon beim Thema Undinger sind würde ich gerne deine Meinung zu der Paarung Hildesheim 2 gegen BS Gliesmarode in der heutigen letzten Runde der VL Ost wissen Gerhard ..

    1. Leben und leben lassen, Sven. Da haben zwei Mannschaften gegeneinander gespielt, die sich lieb haben. Ist das nicht schön in einer Zeit in der andere mit Giftgas oder Bomben um sich werfen?

  4. Erhellender wäre es, Sven, wenn sich der 1. Vorsitzende des Schachclubs Braunschweig Gliesmarode, der zugleich Präsident des NSV ist, dazu äußern würde. Die Hildesheimer bezeichnen den Ausgang des Kampfes auf ihrer Webseite als „überflüssig“. Ich bezeichne ihn als „unsportlich“. Durch den freiwilligen Verlust des Mannschaftskampfes seid ihr (Königsspringer BS) der Chance beraubt worden, an den Gliesmarodern in der Endabrechnung vorbeizuziehen. Jedenfalls war das kein Akt, der im Einklang mit den Satzungen des NSV und DSB steht, wonach diese sich die charakterliche Erziehung zur Aufgabe gestellt haben.

  5. Ich habe gerade eine Mail an den Vorstand, Staffelleiter und Sportdirektor des NSV mit der Bitte um Stellungnahme abgesandt.
    Ich bin gespannt ..

  6. Hallo Sven,
    es ist ja nicht nur so, dass genau der Fall eingetreten ist, den der Bezirk Hannover als Unsportlichkeit nicht gestattet (siehe meinen Kommentar vom 7. April) und das noch in der entscheidenden Schlussrunde, sondern sich der Verdacht aufdrängt, dass beide Mannschaften vorsätzlich gehandelt haben. Der Bericht auf der Webseite der Hildesheimer gibt dazu Anlass:

    „Wenn alles klar ist: ein Team ist durch und aufgestiegen.“

    Wenn ich die Tabelle richtig lese, war es gar nicht klar, dass die Gliesmaroder durch- und aufgestiegen sind. Nur bei einem Sieg gegen Hildesheim war alles klar. Hätte Gliesmarode gegen Hildesheim verloren, hättet ihr bei einem hohen Sieg an denen vorbeiziehen können. War der Sieg gegen die Hildesheimer vorher vereinbart? Die Vermutung erhält zusätzliche Nahrung durch folgende, weitere Aussage auf der Webseite:

    „Gliesmarode brachte die erste Garde garnicht erst mit.“

    In der Tat fehlte das 1. Brett und mit Christoph Dahmen das 3. Brett. Christoph Dahmen ist nebenbei Spielleiter des Schachbezirks Braunschweig. Warum traten die beiden nicht an? Ansonsten haben sie in dieser Saison fast immer sehr erfolgreich gespielt, und gegen Hildesheim ging es um die Wurst!

    Um solchen Spekulationen vorzubeugen, bedarf es einer Besinnung auf die sportlichen Werte. Und diese Besinnung erwarte ich vor allem von denen, die in Schachkreisen als Funktionäre tätig sind und damit eine Vorbildfunktion haben.

    Ähnliches gilt übrigens auch für eure Begegnung gegen den SV Gifhorn. Gifhorn ist bei euch nur mit 5 Spielern angetreten. Für die Gifhorner ging es um nichts, für euch um den möglichen Aufstieg. Ihr konntet mit 6:2 einen hohen Sieg einfahren. Euch ist vermutlich nichts vorzuwerfen. Die Gründe für das Fernbleiben dreier Spieler auf Gifhorner Seite kenne ich nicht, aber die feine Art war das nicht.

  7. Etwas anderes habe ich nicht erwartet. Formell gibt es für euch keinen Anlass zur Klage. Der von mir zitierte Punkt über das Wettkampfziel gilt nur für den Schachbezirk Hannover. Selbst dort hätte ein Verstoß keine Konsequenzen, von einer Ermahnung vielleicht abgesehen. Beide Mannschaften werden ihre Hände in Unschuld waschen. Die Hildesheimer hatten keinen Bock, und die Gliesmaroder haben das Geschenk dankend angenommen. Wer sollte es ihnen verdenken? Es sei denn, das Prozedere war vorher abgesprochen. Wenn es so gewesen war, wird es niemand zugeben.

    So oder so wäre ich nicht dafür, eine oder beide beteiligten Mannschaften zu bestrafen. Strafen dürfen nur die Ultima Ratio sein. Innerhalb einer Familie, die wir Schachspieler sein wollen, müssen die Werte im Vordergrund stehen. Dazu gehört der Sportsgeist. Gegen diesen wurde zweifelsohne verstoßen.

    Mich stört an der Sache der krasse Widerspruch zu den sonstigen Bußen und Maßregelungen in unseren Turnierordnungen. Wer über die hanebüchene Spielberechtigung stolpert, verliert womöglich einen gewonnenen Mannschaftskampf mit 0:8. Wer in der Oberliga eine halbe Stunde zu spät am Spielort erscheint, verliert ein Vermögen, den Mannschaftskampf und zusätzlich zwei regulär gewonnene Mannschaftspunkte. Und wie ergeht es dem Hildesheimer SV in der Verbandsliga Ost? Der zahlt schlappe 5,00 €, weil ein Brett nicht besetzt war.

    Was ich von unseren Schachfunktionären erwarte, ist eine Umkehr in der Denkweise. Weniger Restriktion und Androhungen von Strafen; stattdessen mehr Menschenfreundlichkeit. Die erreicht man mit einem Ehrenkodex, den man am besten selbst vorlebt und sich auch dann selbstkritisch äußert, wenn etwas schief gelaufen ist. Insofern wäre ein demütiges Wort des von mir geschätzten Präsidenten der drei Hierarchiestufen: Verein, Bezirk und Verband, Michael S. Langer, hilfreich, obwohl oder gerade weil er in diesem Fall befangen ist.

  8. Tja, ich warte auch noch auf ein oder mehrere Worte von genau derselbigen Person.
    Mir geht es auch gar nicht darum uns einen sportlich nicht errungenen und auch gar nicht verdienten Aufstieg zu erklagen.
    Mir geht es ähnlich wie Dir hauptsächlich um die Sportlichkeit bzw. vielleicht auch nur um ein paar deutliche Worte das sowas vom NSV sicher nicht in dieser Art und Weise gewünscht ist.
    Des Weiteren frage ich mich ob so viel „Dummheit“ wie die des Hildesheimer SV, die es ja indirekt quasi auf ihrer Vereinshomepage zugeben keine Lust gehabt zu haben, nicht auch einfach mal bestraft gehört.
    Durch solche Verhaltensweisen rücken wir auf alle Fälle von dem Sinne einer Schachfamilie (ich erinnere nur an den Slogan der FIDE ..) nur immer mehr ab als dass wir uns alle endlich mal wieder besinnen um den Schachsport endlich mal wieder in die richtige, seinem Wert verdiente, Richtung zu bewegen.
    Sollte sich diesbezüglich nichts ändern muss man sich jedenfalls ernsthafte Sorgen machen ..

  9. Ich möchte das hier kurz, möglichst sachlich, kommentieren:
    Der Artikel 9 der FIDE-Regeln regelt das Remis. Im Prinzip die Übereinkunft beider Spieler. Somit ist die Regelung des Schachbezirks 5.08 absoluter Mumpitz (ok, unsachlich). Wie soll das überprüft werden? Wer wird belangt?

    Ansprechpartner im Fall HI-BS-Gl. sollte hier der Spielleiter der VL Ost sein, er kann bei den Mannschaftsführern die Partieformulare anfordern und prüfen.

    Ich sehe nicht, was Michael Langer hier machen soll. Er war erwiesen nicht vor Ort. Außerdem gilt natürlich auch für die Gliesmaroder ein Ehrenkodex, das ihnen (hier) nichts unterstellt wird.

    Eher finde ich das Verhalten der SF aus Gifhorn unsportlich. Man stelle sich vor, Gliesmarode hätte verloren. Da kann natürlich auch niemand von KS BS was dafür.

    Abschließend ist natürlich der Bericht auf der Webseite des Hildesheimer SV unglücklich. Ansonsten nochmal der Hinweis auf Artikel 9, FIDE-Regeln.

  10. Wir können stolz auf unseren Präsidenten sein. Michael S. Langer ist eine Ehrenmann. Er hat mich gerade angerufen. Morgen Abend wird er sich an dieser Stelle zu dem Thema äußern. Er bittet um etwas Geduld.

  11. Ob Herr Langer ein Ehrenmann ist oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob er hier Stellung bezieht oder nicht. Der Hildesheimer Homepage kann ich nicht entnehmen, dass der Verein absichtlich verloren hätte. Ein Spieler hat unentschuldigt gefehlt. Wenn das Saisonziel erreicht bzw. endgültig verfehlt ist, ist die Motivation weg – das ist eine Binsenweisheit und kein zu bestrafender Sachverhalt. Ein Spieler ist vielleicht dem eigenen Mannschaftsführer, keinesfalls aber irgendwelchen Außenstehenden verpflichtet mitzuteilen, warum er bei diesem oder jenem Mannschaftskampf gefehlt hat, und das gilt auch für den mitspielenden Bezirksspielleiter. Die KS Braunschweig haben nicht erst am letzten Spieltag ihre Aufstiegschancen verloren, sondern lange vorher, als sie im Verlauf der Saison zunächst gegen den späteren Aufsteiger nicht zu gewinnen vermochten und dann in Hildesheim verloren – der SF Hagemann erzielte in diesen beiden Mannschaftskämpfen keinen Zähler. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ gilt eben auch im Schach.

  12. @ Gerhard: Erst mal Danke für die netten Worte!

    Ich möchte an dieser Stelle zumindest jetzt nicht in die Tiefe gehen. Das liegt ja erkenntlich auch in der Natur der Sache.

    1. ich war nicht vor Ort
    2. Ich bin Vorsitzender des SC Braunschweig Gliesmarode und möchte mich erst mit den Spielern unserer ersten Mannschaft ausführlich austauschen
    3. Ich bin Präsident des NSV und erst mal (noch) nicht zuständig. Für Anfragen zum Spielbetrieb gibt es den Spielleiter und den Sportdirektor.
    4. Ich werde in dieser konkreten Frage niemals zuständig (hier wegen 2)

    Persönlich kann ich hier schreiben, dass mich der gesamte Vorgang (und damit meine ich nicht im nachinein an mich gestellte Fragen) nervt….

    Mit Sven habe ich persönlich gesprochen und ihm dargelegt, warum ich seine Frage nicht beantwortet habe, beantworten konnte……

    Viele Grüße!

    Michael

  13. Vielen Dank für deine Stellungnahme, Michael. Dass du über das Verhalten beider Mannschaften „not amused“ bist, ist unschwer zu erkennen. Umso ehrenwerter ist es, dass du dich öffentlich dem Problem stellst. Weder die Gliesmaroder noch die Hildesheimer müssen jetzt in Sack und Asche gehen. Dafür war der Vorfall nicht schwerwiegend genug. Eure 1. Mannschaft hatte vor der Endrunde einen Vorsprung von 2 Mannschafts- und 4 Brettpunkten. Der Vorsprung relativiert die Ausgangslage, wenngleich das für das unsportliche Verhalten keine Entschuldigung sein darf.

    Ich sehe darin ein grundsätzliches Problem, das ich bereits mehrmals angesprochen habe. Die Auswertung der kampflosen Partien gibt darüber Aufschluss:

    2. Bundesliga Nord 1x kampflos
    Oberliga Nord-West 4x kampflos
    Landesliga Nord 30x kampflos (davon SV Esens mit 2x 0:8)
    Landesliga Süd 16x kampflos
    Verbandsliga Nord 31x kampflos
    Verbandsliga West 31x kampflos
    Verbandsliga Ost 29x kampflos
    Verbandsliga Süd 6x kampflos

    Es fällt auf, dass die Motivation nachlässt, je tiefer es in den Klassen nach unten geht. Das wird man grundsätzlich nicht ändern können, aber ich bin davon überzeugt, dass die Zahl der kampflosen Partien deutlich sinken würde, wenn die Spielberechtigungen flexibler gehandhabt würden. Appelle allein sind fruchtlos. Das wird durch folgende Worte des Staffelleiters der Verbandsliga West, Niels Dettmar, auf der NSV-Seite deutlich:

    „Insgesamt 31 kampflose Partien stellen (wie im Vorjahr) einen unerfreulichen Spitzenwert dar. Für die kommende Saison sollte es das Ziel aller Spieler, Mannschaften und Mannschaftsführer sein, einen Spielbetrieb mit (deutlich) weniger kampflosen Partien zu gewährleisten. Ich würde mich sehr darüber freuen.“

    Ein Jahr zuvor hatte er folgendes geschrieben:

    „Insgesamt 31 kampflose Spiele und damit der höchste Wert seit 6 Jahren. Ich würde mich in der nächsten Saison über deutlich weniger kampflose Spiele freuen.“

    Ich würde mich freuen, wenn Schachfunktionäre das Problem an der Wurzel anpacken würden; d.h. die Turnierordnungen reformieren würden. Dass z.B. unser Uwe Gabriel zum 9. Mal (von 10 Partien) in Lingen mit Schwarz spielen musste, gehört dazu. Solche Erlebnisse tragen nicht zur Motivation bei. Es muss alles getan werden, damit sich Schachspieler gern und freiwillig – auch wenn die Luft raus ist – ans Brett setzen. Alles, was sie davon abhält, gehört auf den Prüfstand.

  14. Aus dem Spam-Ordner habe ich folgenden Kommentar gefischt:

    Lieber Gerhard,
    Ich möchte an die Begegnung SF Hannover – SV Berenbostel aus der letzten Runde
    der Saison 2015/16 Landesliga Süd erinnern :http://nsv-online.de/ligen/nsv-1516/?staffel=861&r=9
    Wer im Glashaus sitzt,….

    Verfasser ist ein gewisser Horst Brack. Der Kommentar landete im Spam-Ordner, weil die IP gefälscht sein soll. Ich kann das nicht beurteilen, möchte aber trotzdem dazu Stellung nehmen:

    In der Schlussrunde gegen den SV Berenbostel wurde ich ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung aufgestellt. Ich hatte vorher ausdrücklich bekanntgegeben, dass ich nicht spielen werde. Wie die sieben Remispartien zustande gekommen sind, weiß ich nicht, weil sich darüber der Mantel des Schweigens befindet: http://www.schachfreunde-hannover.de/saisonbilanz-schachfreunde-1/

    Zum aktuellen Fall zwischen dem SV Hildesheim und dem SC BS Gliesmarode gibt es jedoch einen wesentlichen Unterschied: Der Ausgang des Kampfes hatte keinerlei Einfluss auf den Auf- und den Abstieg. Gleichwohl ist das Zustandekommen fragwürdig.

    Niemand ist davor gefeit, Vereinbarungen zu treffen, die grenzwertig sind. Umso wichtiger ist es, dass wir Probleme offen ansprechen. Dafür ist unser Blog weit und breit das einzige Sprachrohr. Von einem Glashaus kann also nicht die Rede sein.

    1. Wer die Tabelle der Landesliga Süd 2015/16 nach Runde 8 betrachtet, wird feststellen, dass Berenbostel bei einer Niederlage in Runde 9 und gleichzeitigen Siegen der nachrangigen Mannschaften sehr wohl noch auf einen Abstiegsplatz hätte zurückfallen können. Und Gerhards Entschuldigung, ohne Wissen und ohne Zustimmung aufgestellt worden zu sein, können selbstverständlich auch alle Hildesheimer und Gifhorner Spieler, die am vergangenen Wochenende gefehlt haben, für sich in Anspruch nehmen.

  15. Ich war dabei.

    Es hat keine „Vereinbarung“ o.ä. für den Ausgang des Kampfes oder mehrerer Partien gleichzeitig gegeben. Nach meiner Erinnerung haben mindestens Martin und ich die Partien richtig ausgefochten – was die Papierform aufgrund der Remisen nicht wiedergibt.

    Bei den meisten Partien wurde der Mannschaftsführer über das Ergebnis in Form des Partieformulars informiert.

  16. Stellen wir uns Wijk an Zee 2019 vor. Nach 13 von 14 Runden ergibt sich folgende Tabellensituation:

    1. Streich 11/13
    2.Hagemann 10/13
    3.Kramnik 9.5/13
    4.Kaimer 8/13
    5.Carlsen 7.5/13

    In der finalen Runde 14 spielt Streich gegen Kramnik und Hagemann gegen Kaimer. Streich und Kramnik machen nach 15 Zügen remis.

    Ist das unsportlich?

    (die einfache Antwort ist nein)
    (die Antwort nach ewigem Hin und Her diskutieren ist immernoch nein)

    Jetzt wird wieder jemand sagen, dass das eine ganz andere Situation, nicht vergleichbar etc etc etc. ist.

    Ist es allerdings. Die oben geschilderte Ausgangssituation ist eine hervorragende für Gerhard, und in der Verbandsliga war es eine hervorragende für Braunschweig. Eine Mannschaft, die vor dem letzten Mannschaftskampf mit zwei Mannschaftspunkten und vier (VIER!) Brettpunkten führt, an 7 Brettern pro brett (!!) im Schnitt 152 DWZ Punkte überlegen ist, bekommt einen Erwartungswert von etwa 0.7 pro Brett. Bei 7 ausgefochtenen Brettern macht das 4.9 Pkt, plus dem kampflosen sieg an brett 7 bedeutet dies, dass ein 6:2 das wahrscheinlichste Ergebnis gewesen wäre.

    Jetzt gewinnen sie stattdessen 4.5 zu 3.5, wobei auch ein 4:4 (und sogar ein 2.5:5:5) gereicht hätte.

    Wo ist denn nun genau das Problem?
    1) Das Braunschweig nicht höher gewonnen hat?
    2) Das Hildesheim sich auf ihrer Webseite launisch geäußert haben?
    3) Das Gifhorn nicht noch mehr Bretter freigelassen hat? (Ich finde das Verhalten von Gifhorn auch deutlich unsportlicher als das von Hildesheim)

    Auf mich persönlich wirkt es so, als wäre da eine vollkommen unrealistische „Es ist noch nicht vorbei!“ Stimmung künstlich aufrechterhalten worden, und jetzt wird der entsprechende Frust ausgelebt. Wie hoch waren denn die Aufstiegschancen der Königsspringer, 2%? 0.2%? Im Liga-Orakel ist der Erwartungswert von Gliesmarode zumindest optisch nicht von Eins zu unterscheiden. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man realistisch mit seinen eigenen Leistungen und Verfehlungen umgehen kann (wenn man nicht aufsteigt, ist erstens man selbst schuld, zweitens man selbst, drittens man selbst, …), oder ob man sich ins Internet einloggt und alle Gegner und den NSV Präsidenten dafür verantwortlich macht.

    Das Hauptproblem hat Gerhard natürlich schon angesprochen: Die freigehaltenen Bretter. Das funktioniert in den Ligen ab Oberliga natürlich „gut“, aber ungefähr so wie die Vermeidung von Straßenverschmutzung in Singapur „gut“ funktioniert. Anstelle an der ein oder anderen Regelung starr festzuhalten, könnte man natürlich eher an den Ursachen forschen.

    Gerhards Vorschlag für flexible Aufstellungen ist zwar eine nette Idee (endlich wird Vorbereitung ausgehebelt), das Uwe-hat-zum-achten-Mal-Schwarz Argument seh ich aber nicht als motivationssteigernd oder -senkend, denn Anzugsvorteil ist in der Verbandsliga ein Mythos.

    Um eine alternativen Gedankengang anzuregen: Auf Dauer sind Acht-Personen – Mannschaften im Amateurbereich vielleicht einfach nicht mehr zeitgemäß.

    1. Hallo Torben,

      „Wie hoch waren denn die Aufstiegschancen der Königsspringer, 2%? 0.2%? Im Liga-Orakel ist der Erwartungswert von Gliesmarode zumindest optisch nicht von Eins zu unterscheiden.“

      Da als Frankfurter gute Kontakte zum Walter vorhanden sind, hat er mir die Daten des Liga-Orakels übermittelt. Nach dem 8. Spieltag bestand die Aufstiegswahrscheinlichkeit von BS Gliesmarode bei 99,953 % d. h. in den 100.000 Simulationen des 9. Spieltags ist KS Braunschweig 47mal aufgestiegen.

      Schön zu sehen, dass deine Beitrage noch immer so pointiert und qualitativ sind. Schon im Schachfeld war es immer pläsierlich von dir etwas zu lesen.

      Beste Grüße nach Hannover

  17. Dein eingangs genanntes Beispiel widerspricht nicht meinen Ausführungen, Torben. In diesem Fall geht es darum, ob eine Mannschaft kollektiv in eine Niederlage eingewilligt hat. Das ist laut Turnierordnung des Bezirks 1 explizit eine Unsportlichkeit. Die Hildesheimer haben das auf ihrer Webseite zugegeben, was ich begrüße, denn das war ehrlich. Dass wir an dieser Stelle darüber diskutieren, haben wir Sven zu verdanken. Wäre ein „unter den Teppich kehren“ besser? Nein! Nur durch Analysen lassen sich Fehler der Vergangenheit künftig verhindern.

    Das gilt auch für kampflose Partien, die sich in den einzelnen Klassen signifikant unterscheiden. Warum fallen die z.B. die in der Verbandsliga Süd mit sechs verhältnismäßig gering aus, während es in den drei anderen Klassen rund 30 sind? Woran liegt das? Liegt das z.B. an den Vereinsstrukturen im ländlichen Raum? Entweder uns ist das alles gleichgültig, oder wir versuchen durch geeignete Maßnahmen für Abhilfe zu sorgen. Es wird doch niemand ernsthaft glauben, dass ein Appell wie der vom Staffelleiter Niels Dettmar in der nächsten Saison fruchtet. Angeblich sind Schachspieler vorausschauende Menschen. Wenn das stimmt, müssen wir die in der Vergangenheit entstandene Ordnung den Entwicklungen unserer Zeit anpassen.

    Mein Beispiel mit der endlosen Schwarzserie von Uwe ist nur ein Mosaikstein. Warum ist es einer Mannschaft gemäß Turnierordnung generell untersagt, die Reihenfolge der Brettbesetzung an temporären Bedürfnissen auszurichten? Die Antwort kann ich dir selber geben. Weil unsere Gesellschaft die Missgunst präferiert. Jede Mannschaft hat doch die Freiheit, die Mannschaft haargenau wie vor der Saison gemeldet aufzustellen, auch wenn es diesen Zwang nicht gäbe. Jeder vernünftige Mensch würde doch sagen: „Lasst den Uwe beim nächsten Mal nicht an Brett 6, sondern 5 spielen, dann hätte er endlich Weiß.“ Innerhalb der eigenen Mannschaft wäre das kein Problem, aber weil dieses Handeln der anderen Mannschaft nicht gegönnt wird, nehmen wir lieber die Einschränkung der eigenen Freiheit in Kauf.

  18. Hallo Torben, hallo zusammen;

    eigentlich wollte ich mich hierzu lieber gar nicht mehr äußern. Jedoch kam zuerst eine kleine „Stichelei“ von einem gewissen Herrn Hans-Joachim Markus mir gegenüber (Ich zitiere: … – der SF Hagemann erzielte in diesen beiden Mannschaftskämpfen keinen Zähler …) und dann auch noch die von Dir in den Raum geworfene Frage ob bei uns eine „Es ist noch nicht vorbei!“-Stimmung künstlich aufrechterhalten worden sei.

    Ich möchte mich, hoffentlich zum letzten Mal, nochmal zu beiden Fällen kurz äußern:

    Ich sehe es völlig genauso wie ihr, dass, wer vor dem letzten Spieltag in einer so aussichtslosen sportlichen Lage zu sein scheint wie wir und selber in den entscheidenden Mannschaftskämpfen „versagt“ hat, es einfach nicht verdient hat aufzusteigen.
    Darum ging und geht es mir aber auch nicht!

    Unabhängig der sportlichen Situation in den Ligen finde ich so ein Ergebnis bzw. so eine Situation als totaler „Schach-Fan“ einfach nur unerträglich. Dass, was Gerhard begrüßt, die Hildesheimer Ehrlichkeit, macht für mich die Sache einfach nur noch schlimmer.

    Eine, etwas krasser formuliert, „Ergebnisabsprache“ darf in keinem Fall von unserer Turnierordnung zugelassen werden und wäre für mich wäre ich NSV-Verantwortlicher auch nicht tragbar.
    Überall macht man sich Gedanken über den Niedergang des Schachs, wenn man solche Dinge durchgehen lässt, braucht man sich mMn jedoch nicht wirklich wundern.

    Dass was mich am Meisten in Rage bringt ist gar nicht dass mein Ex-Verein Gliesmarode sich dadurch den Aufstieg endgültig abgesichert hat, wofür ich Ihnen hiermit auch sehr gerne herzlich gratuliere, denn sie haben es diese Saison einfach mehr verdient als wir. Unsere Restwahrscheinlichkeit, da gebe ich Dir völlig Recht, Torben, ging wahrscheinlich gen 0.

    Aber. Man drehe die Uhr um ein paar Jahre zurück und gucke auf folgenden Link:
    http://nsv-online.de/ligen/nsv-1213/?staffel=644&r=3

    In der Saison 2012/2013 gab es in der Verbandsliga Ost die Paarung Hildesheim gegen Hildesheim 2; damals ebenfalls ein kampfloser Punkt für Hildesheim 1 und sieben Remisen. Und auch damals gab es vom MF der 2.ten Mannschaft, Herrn Dr. Freier, der quasi indirekt zugab dass bei der Zweiten ein Spieler gefehlt habe und sich dass dann auf die Motivation aller anderen Akteure niedergeschlagen hätte.

    Wenn man sich dann die Tabelle nach der 9.ten Runde anschaut sieht man dass das Ergebnis dieser beiden Mannschaften sich in dieser Saison sehr wohl vor allem auf den Aufstieg ausgewirkt hat.
    Für mich ein totales Unding ..

    Und was ist damals passiert ? Niente, richtig.

    5 Jahre später ist also wieder der Hildesheimer SV mit seinem MF beteiligt. Ein Schelm der böses denkt ..

    Ich bin fairer Sportler und gratuliere hier nochmals dem SC BS Gliesmarode zu seinem verdienten Aufstieg.

    Der Hildesheimer SV und bestimmt Personen dieses Vereins werden aber sicher nicht mehr meine Freunde werden. Denn das hat meiner Meinung nach einfach nichts mehr mit Sport zu tun.

    Gleichwohl gebe ich sehr gerne zu dass ich mit meinen Nullen in den entscheidenen Mannschaftskämpfen auch persönlich unseren Aufstieg versemmelt habe.
    Nichtsdestotrotz ist auch mir, wie von Dir auch schonmal erwähnt, Gerhard, kein Hans-Joachim Markus in Schachkreisen bekannt. Und ich bin schon sehr gut vernetzt.
    Wer also mit Steinen wirft sollte zumindest so viel Muße und Anstand haben sich mit seinem wahren Namen zu erkennen.

    Ich hoffe hiermit ist alles klar gestellt und wir können uns jetzt alle in der Sommerpause erstmal Gedanken machen wie wir solche Unsportlichkeiten und eventuell auch andere Sachen in der TO am Besten verändern.

    Ich wünsche Euch allen jetzt auf alle Fälle erstmal ein schönes sonniges Wochenende..

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