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Schachfreunde Hannover von 1919 e.V.

Lewis Chessmen

Kleine Teufel aus dem Reich des Bösen


Gemeine Geister sollten es sein, kleine Teufel oder zumindest finstere Dämonen aus dem Reich des Bösen. Wer sie berührt, dürfte krank werden und möglicherweise sogar sterben. Deshalb ließ der Bauer, der die Figuren im Frühjahr 1831 an der Westküste der Hebriden-Insel Lewis (Schottland) fand, sie liegen und rannte erschrocken nach Hause. Seine Frau war glücklicherweise neugieriger und geschäftstüchtiger: Sie buddelte die Figuren aus dem Sand und verhökerte sie an einen Kaufmann.

So wurden die heute wohl berühmtesten Schachfiguren der Welt entdeckt und gerettet. Jahrhunderte hatten sie unter dem Sand gelegen, der nach und nach vom Meer weggespült worden war. Der Ort ihrer Entstehung ist unklar. Aufgrund kunsthistorischer Vergleiche sind Fachleute jedoch zum dem Schluss gekommen, dass sie in Skandinavien hergestellt worden sein dürften. Dazu passt eine Legende, die man sich um 1860 auf der Insel Lewis erzählte: Demnach soll ein Schäfer eines Morgens einen Matrosen beobachtet haben, der mit einem Sack auf dem Rücken an Land schwamm. Anstatt zu helfen, erschlug der Schäfer den Schiffbrüchigen und raubte den Sack. Doch statt des erhofften Goldes und Silbers fand er nur schnöde Spielfiguren - die er im Sand vergrub, um keine Spuren der grausigen Tat zu hinterlassen. Erst als er einige Jahre später wegen anderer Delikte zum Tode verurteilt worden war, gestand er unter dem Galgen die Tat.

Der Kaufmann verscherbelte die geheimnisvollen Figuren für 30 Pfund an einen Sammler in Edinburgh, der sie am 17. Oktober 1831 dem Britischen Museum für 100 Pfund anbot - zufällig war an dem Tag auch der Schriftsteller Sir Walter Scott im Museum und wurde so einer der ersten Bewunderer der Lewis Chessmen.

Für 80 Pfund übernahm das Museum die 82 Figuren - nicht wissend, dass der Verkäufer bereits elf weitere Figuren in Edinburgh an den Mann gebracht hatte. Heute stehen diese elf im Schottischen Nationalmuseum in Edinburgh - die meisten anderen sind im Britischen Museum im London ausgestellt.
Die Experten entdeckten schnell, wie wertvoll die Schachfiguren tatsächlich waren. Sie stammen aus der Zeit um 1150 und dürften in einer skandinavischen Schnitzer-Werktstatt aus Walross-Stoßzähnen hergestellt worden sein. Sie gehören zu vier bis fünf verschiedenen Sätzen und unterscheiden sich zum Teil deutlich voneinander. Doch alle sind außergewöhnlich kunstvoll geschnitzt.
Für Kunsthistoriker sind die Figuren deshalb besondes wertvoll - sie zeigen den hoch entwickelten Stand des Kunsthandwerks in dieser Epoche. Tatsächlich gibt es aus dieser Zeit noch einige Schachfiguren aus anderen Regionen Europas, die ungewöhnlich schön sind. Doch was die Chessmen so einzigartig macht: Sie sind die einzige Gruppe romanischer Figuren aus dem elften und zwölften Jahrhundert, die zum Vergnügen hergestellt wurden - wahrscheinlich für eine aristorkratische Kundschaft.
König und Dame sitzen auf Stühlen, die von hinten aufwendig mit Ornamenten und geometrischen Mustern verziert sind. Kurios sind manche Türme: Die stämmigen Kerle beißen in ihre Schilder - aus Furcht oder um ihren Gegnern zu zeigen, wie brutal sie sind. Tatsächlich ist in nordischen Sagen von Berserkern die Rede, die sich vor Schlachten so grauenvoll in Rage brachten, dass sie vor Wut in ihre Schilder bissen. Andererseits gibt es neben diesen furchterregenden Kriegern einige Figuren, die geradezu niedlich aussehen. So zeichnen sich manche der Damen durch einen kleinen Überbiss aus. Alle pressen ihre rechte Hand an die Wange - vielleicht aus Bestürzung, irgendwie wirkt die Geste jedoch eher humorvoll ironisch. Die Könige blicken bemüht grimmig drein - aber offenbar waren sie die ideale Vorlage für Häger den Schrecklichen. Schachhistorisch bemerkenswert ist, dass die Läufer bereits als Bischöfe dargestellt werden. Die meisten Bauern erscheinen als kleine Obelisken. Einige haben die Form von Grabsteinen und sind schlicht verziert.

Man kann eine Reihe von Nachbildungen der Chessmen kaufen. Manche kosten mit Brett allerdings über 500 Euro und haben dann noch nicht mal das Originalformat, meistens sind sie viel zu klein. Die besten Replikate (mit zehn Zentimetern ist der Springer die höchste Figur) hat das Britische Museum in London herausgebracht. Sie sind wirklich originalgetreu: Wenn dem König oder der Dame ein Zacken in der Krone fehlt, ist dies kein Lieferschaden...

Die halbwegs schweren Figuren kosten ohne Brett 350 Euro (plus Versandkosten) und können auch über das Internet bestellt werden.

Wer mehr Informationen haben möchte, kann sich beim Schottischen Nationalmuseum für rund 17 Pfund eine CD-Rom bestellen (über die Homepage des Museums).Relativ ausführlich sind auch die Ausführungen in Ernst Strouhals Buch “Schach. Die Kunst des Schachspiels”, Nikol-Verlag, (in Hannover z.B. bei 2001 in der Friesenstraße erhältlich).

 

Letzte Änderung:05.Nov.2002


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