OB-Wahl in Hannover

Am kommenden Sonntag wählen wir Hannoveraner*innen einen neuen Oberbürgermeister. Der alte musste abdanken. Die sogenannte Rathausaffäre wurde ihm zum Verhängnis. Soweit ich den Fall beurteilen kann, muss er für ein System büßen, das er bei seiner Amtsübernahme vorgefunden hat. Das kann man Filz nennen, was die Opposition dann auch tut und die Presse obendrein. Ein fleißiger Repräsentant war Stefan Schostok (Bildmitte) bestimmt, der geborene Revoluzzer indes nicht.

Früher hätte die SPD in Hannover einen Besenstiel als OB-Kandidaten nominieren können. Der wäre gewählt worden. Die Ausgangslage in der ehemaligen Hochburg hat sich inzwischen geändert. Die SPD schwächelt, weil sie hasenfüßig ist. Früher fiel das nicht auf, weil es den Klassenfeind gab. Heute sitzen alle in derselben Klasse, von den Schmuddelkindern mal abgesehen. In solchen Fällen wählt man einen Klassensprecher, der gute Ideen hat, zu begeistern weiß und nicht tatenlos rumsitzt. Nicht zu verwechseln mit Populisten.

Zehn Personen haben sich gemeldet, die den Posten des Klassensprechers, respektive Oberbürgermeisters, übernehmen wollen. Das finde ich großartig angesichts der Anfeindungen, die heutzutage en vogue sind. Drei Kandidaten haben eine reelle Chance, in die Stichwahl zu kommen, die am 10. November vorgesehen ist. Die vier Kandidatinnen leider nicht, dafür fehlt ihnen die Lobby. Nichtsdestotrotz verdienen deren Engagement und das der anderen, aussichtslosen Kandidaten meinen Respekt. Auf dem Limmerstraßenfest habe ich mit einem dieser Kandidaten (Adam Wolf) darüber geplaudert. Als ich ihm viel Erfolg wünschte und anfügte, dass seine Chancen wohl gering seien, entgegnete er mir: „Wieso?“ Dazu passt der Spruch des SV Hellern über dessen Oberligapartie gegen den MTV Tostedt: Du hast keine Chance, aber nutze sie!

Sitzt dort Hannovers nächster Oberbürgermeister? – Fridays-for-Future-Demo am 20.09.2019

Meine Tageszeitung, die ebenfalls am Stuhl unseres ehemaligen Oberbürgermeisters gesägt hat, lässt nun keine Gelegenheit aus, den Wählerinnen und Wählern die Kandidaten*innen vorzustellen. Das lobe ich ausdrücklich. Am 19. September veranstaltete sie eine politische Mittagspause in Hannovers City. Die Kandidaten*innen hatten die Gelegenheit, sich binnen 4 Minuten auf einer Bühne vorzustellen. Das Format war gelungen. Kein langes Geschwafel, aber Zeit genug, sich ein Bild von den Menschen zu machen, deren Absichten ansonsten an Laternenpfählen und sonst wo zu lesen sind; z.B. auf der Webseite des NDR. Acht Kandidaten präsentierten sich in ausgeloster Reihenfolge, zwei Kandidatinnen waren nicht erschienen.

Warum erzähle ich das? Weil auch Schachspieler ohne einen fortschrittlichen Verwaltungschef schlechte Karten haben. Unter den rund 100 Zuhörern konnte ich nicht einen einzigen Schachspieler ausmachen. Deshalb zeige ich euch im Anschluss die 8 Kandidatinnen und Kandidaten in der Reihenfolge ihres Auftritts. Schließlich geht ihr doch wählen!? Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich euch auch den Kandidaten einer Partei zeige, die nichts mit Gerhards buntem Hannover gemein hat. – Macht euch selbst ein Bild. Auf die Nennung der jeweiligen Parteien und eine Bewertung der Auftritte verzichte ich absichtlich. Allerdings möchte ich nicht verhehlen, dass ausgerechnet der Kandidat, der nach einer Umfrage der HAZ vorn liegt, die geringste Leidenschaft zeigte.

21 Gedanken zu „OB-Wahl in Hannover“

  1. Dein Engagement in Ehren, lieber Gerhard, aber das hat mir, trotz der unparteiischen Anmoderation, ein bisschen zu wenig (nämlich gar nichts) mit Schach zu tun. Wir wissen ja, dass es beim Thema Politik auch mal grimmig werden kann, wenn jemand eine Lunte anzündet, deshalb bitte ich alle Leser darum, hier ganz gelassen zu bleiben.

    1. 444. Beitrag

      Die Frage, ob es der Blog oder das Blog heißt, hat auch nichts mit Schach zu tun. Trotzdem haben wir darüber gesprochen. Das unterscheidet unseren Internetauftritt von denen der meisten anderen Schachvereine. Ein Blog ist kein Medium für Bekanntmachungen des Vorstands, sondern so etwas wie ein Stammtisch, an dem auch mal Themen zur Sprache kommen, die nicht unmittelbar dem Vereinszweck dienen. Das ist z.B. auf Schachfeld nicht anders. Da wirft mal jemand die Frage in den Raum: Wie kann man unserem FC Bayern helfen?

      Insofern ist dein Aufruf, lieber Jürgen, zur Gelassenheit völlig richtig. Die Oberbürgermeisterwahl ist derzeit das beherrschende Thema in der Heimatstadt unseres Schachvereins. Und da wir Schachspieler ein Teil dieser Gesellschaft sind, kann es uns nicht gleichgültig sein, wie wir verwaltet werden.

      Mein Beitrag zur OB-Wahl ist übrigens der 444. seit es unser Blog gibt (August 2013). Darauf ‘ne Lüttje Lage für alle! Zu den 444 Beiträgen gibt es 2.350 Kommentare, davon 980 von mir. 1.370 Mal haben sich andere Schachfreund*innen zu Wort gemeldet. Wenn das kein Beleg dafür ist, dass sich Schachspieler aus der Reserve locken lassen!?

      1. Hannover hat gewählt. Wie erwartet kommt es zur Stichwahl zwischen den beiden favorisierten Kandidaten. Der künftige Oberbürgermeister könnte mein Sohn sein. Er ist genau sieben Tage älter als meine Tochter. Diese Generation macht Mut.

  2. Die Stichwahl

    Vor zwei Wochen gab es 10 Kandidaten. Davon sind zwei übrig geblieben. Ist es nun leichter oder schwerer, am Sonntag das Kreuz auf dem Wahlzettel zu setzen? Ein bisschen Wahlhilfe kann nicht schaden. Deshalb habe ich die gescheiterten Kandidaten aus meiner Bildergalerie gelöscht. Konzentriert euch bitte auf die beiden Verbliebenen. Die haben sich inzwischen richtig lieb und duzen sich sogar. Gleichwohl ist die Auswahl eindeutig, wenn es nach den Bewohnern des Stadtteils ginge, in dem die Schachfreunde Hannover beheimatet sind. Das Ergebnis der OB-Wahl in Linden-Limmer lässt keine Zweifel aufkommen: Kandidat O.B. (nomen est omen: Abkü für Oberbürgermeister) erhielt 53,2 % der Stimmen, Kandidat E.S. 11,6 %.

    Was ich jetzt sage, ist Top Secret. Sollte der 11,6-Prozent-Kandidat die Oberhand gewinnen, gibt es geheime Pläne im Bezirksrat Linden-Limmer, die am 1. Januar 1920 erfolgte Eingemeindung in die Stadt Hannover rückgängig zu machen. Die natürliche Barriere, bestehend aus Leine und Ihme, wird dann auf den Brücken mit Schlagbäumen gesichert. Wer mit seinem Auto ins weltoffene Linden fahren möchte, muss eine Maut entrichten. Mitglieder von Schachvereinen sind davon ausgenommen.

    1. Mir erscheint es fraglich, ob ein Kandidat, der nach abgeschlossenem Studium (ohne das eigentlich obligatorische Referendariat absolviert zu haben) neben einer Tätigkeit im Büro einer Landtagsabgeordneten keinerlei Berufserfahrung vorzuweisen hat, sondern sich in die Repräsentanten von „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“ einreiht, der besser geeignete Bewerber für eine Position als Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt ist und ob dieser als bekennender Muslime im erforderlichen Maße zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen kann.

      1. Du berufst dich auf deine Vorurteile. Fortschrittliche Menschen gestalten ihre Zukunft nach anderen Kriterien. Die meisten Hannoveraner sind fortschrittlich.

  3. Vorurteile? Die Glaubenssätze des Islam sind schriftlich festgehalten.
    In deiner Berufstätigkeit musstest du auch bestimmte Abschlüsse vorweisen. Warum soll dieses nicht analog für einen Bürgermeister gelten?

    1. Ich hoffe, Torsten, du befindest dich noch auf dem Boden des Grundgesetzes:

      Art 4 (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

      Wir sind ein säkularer Staat. Wer davon ausgeht, dass ein künftiger Oberbürgermeister sein Amt für Religionszwecke missbraucht, schürt Ressentiments.

      Ich habe die Bitte, dass wir die Diskussion an dieser Stelle nicht vertiefen. Wir sind ein Schach-Blog. Bekanntlich vertrete ich die Ansicht, dass auch gesellschaftliche Ereignisse hineingehören, aber nicht über Gebühr strapaziert werden sollten.

      1. Ein Staat,

        1. der Kirchensteuer einzieht
        2. Der Kirche Vorrechte einräumt, wie das Recht Frauen zu benachteiligen.
        3. Zahlungen ohne Gegenleistungen an Kirchen leistet (https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsleistungen).

        ist nicht säkular.

        Und ob ein bestimmter Moslem säkular ist, weiß ich nicht. Laut Koran kann er es nicht sein, aber er kann sich ja auch die Freiheit nehmen, sich hier nicht an den Koran zu halten.

  4. Du bist ein feiner Kerl

    … sagte der Wahlsieger zum Unterlegenen. Diese Wertschätzung sollten wir uns als Schachspieler zum Vorbild nehmen. Als Karla Kolumna der Schachfreunde Hannover war ich natürlich live dabei, als vorhin der Wahlausgang im Hannoverschen Rathaus bekanntgegeben wurde. Davon zeige ich euch drei brandheiße Fotos (siehe oben). Erstens die herzliche Umarmung der beiden Kandidaten, dann ein Interview des Siegers und drittens Deutschlands künftigen Bundeskanzler, der zufällig anwesend war.

  5. Demo im Rathaus

    Da weder der NDR noch meine Tageszeitung über eine Aktion jugendlicher Demonstranten berichtet haben, erlaube ich mir, diese journalistische Lücke zu füllen. Gegen 18:30 Uhr entrollten etwa zwei Dutzend Jugendliche mehrere Spruchbänder, verteilten Flyer und verkündeten über ein Megafon ihr Anliegen. Die Aktion dauerte etwa eine Viertelstunde. Dann zogen die Demonstranten friedlich von dannen. Einhalt hatte ihnen niemand geboten. Was die Jugendlichen auf dem Herzen hatten, ist auf meinem oben angefügten Foto zu sehen. Mit dem Ausgang der OB-Wahl dürften sie zufrieden sein.

  6. Mal sehen, ob Hannovers grüner Bürgermeister auch grüne Politik macht oder wie Winfried Kretschmann zum konservativen Automobilindustriehelfer wird.

    1. Wenn Belit Onay im Amt ist, wird Hannovers Innenstadt entsprechend seiner Geburtsstadt Goslar umgewandelt. Autos müssen draußen bleiben, stattdessen: Idylle pur (guckst du oben).

  7. Freispruch für Stefan Schostok

    Die sogenannte Rathausaffäre hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Heute ist Hannovers Ex-OB Stefan Schostok freigesprochen worden. Darüber bin ich erfreut. Das Urteil entspricht meinem Rechtsempfinden. Die Staatsanwaltschaft hatte sich von Schostoks politischen Gegnern und einer hässlichen Pressekampagne zu einer drastischen Vorverurteilung leiten lassen. – Mittlerweile hat Hannover einen neuen Oberbürgermeister, der sich trotz ideologisch bedingter Anfeindungen wacker schlägt.

      1. Mich nicht. Zunächst sei gesagt, dass sich Stefan Schostok weder selbst bereichert noch die unrechtmäßigen Gehaltszahlungen bewilligt hat. Als er im Jahr 2017 davon erfahren hatte, hat er sich mit der Erklärung seines Ressortleiters zufriedengegeben. Das wurde ihm von der Staatsanwaltschaft als „Schwere Untreue“ ausgelegt. Der Vorwurf ist lächerlich. Ich möchte den Oberbürgermeister sehen, der sich während seiner Amtszeit gegenüber seinen leitenden Angestellten ohne Not derart unbeliebt macht. Schostok hätte – wie ein Detektiv – Recherchen mit ungewissem Ausgang anstellen müssen. Wären die nach hinten losgegangen, hätte er im Rathaus für immer „verschissen“.

        Unter Richtern gibt es einen beliebten Spruch gegenüber Angeklagten: „Von mir erhalten Sie keine Gerechtigkeit, sondern ein Urteil.“ Dieser Richter hat ein gerechtes Urteil gefällt. Dafür sollten wir ihm danken, auch wenn Deutschlands Spießer darob schäumen; siehe z.B. die Kommentare auf NDR-Online.

  8. Du scheinst dich mit Internas in Behörden nicht auszukennen. Ich bin dagegen Beamter. Der Leiter einer Behörde kann seine Nase in jede Angelegenheit stecken, wenn er es will (außer dem Personalrat). Wenn er eine Beförderung nicht möchte, gibt es keine. Wenn er jemanden nicht mag hat diese Person ein Problem (und das meistens jahrzehntelang). Ich spreche da aus Erfahrung.
    Die meisten Bediensteten einer Behörde sind also gegenüber dem Behördenleiter aus Selbstnutz und -schutz opportunistisch. Eine Person mit dieser Macht kann es sich kaum verscherzen, weil sein Wort in der Behörde Gesetz ist.
    Und wenn jemand OB ist sollte er sein Ding durchziehen und wenig auf persönliche Befindlichkeiten geben. Auf so etwas kann er vielleicht mittags in der Kantine Rücksicht nehmen oder beim Sommerfest, aber nicht bei dienstlichen Dingen.
    Nein Schostok hat sich gesagt: Mich interessieren Bürgermeisterangelegenheiten und nicht die Gehälter meiner Mitarbeiter. Als er Hinweise bekam hat er sie nicht angemessen behandelt, weil er sich ja nur mit OB-Angelegenheiten befassen wollte.
    So jemand wird dann abgewählt. Ob es schwere Untreue ist kann ich nicht sagen.

    Also wenn der Behördenleiter sagt: „Ich möchte die Personalakte von Herrn H. sehen, dann bekommt er die. Und wenn er nachfragt warum eine Zulage gezahlt wird dann bekommt er einen Vermerk von einem Juristen. Und da wird nicht drinstehen: „Die Zulage ist ok“. Sondern ein längerer Text.
    Und wer eine Zulage für Mehrarbeit bekommt (und wer nicht) ist in § 47 des Niedersächsischen Besoldungsgesetzes geregelt.

    Zudem wird der Behördenleiter selber keine Zulage für Mehrarbeit bekommen. Warum soll dann sein engster Mitarbeiter, der ebenfalls der Besoldungsordnung B angehört eine bekommen?

    Nein, Herrn S. war das einfach zu egal und dafür gabs eben die Quittung, wenn auch nicht strafrechtlich.

    1. Was theoretisch möglich ist, ist die eine Seite, was praktisch zweckmäßig ist, die andere. Wenn ein Chef alles selbst kontrollieren will, obwohl er dafür seine Ressortleiter hat, macht er sich schnell unbeliebt. Das kann nicht im Sinne seiner Hauptaufgaben sein, nämlich die Landeshaupt Hannover nach außen zu repräsentieren.

      Dein Einwand, ein OB sollte sein Ding durchziehen, hat ja zu der fatalen Entwicklung geführt. Als Stefan Schostok im Oktober 2017 gegen seinen Personaldezernenten ein Disziplinverfahren eingeleitet hatte, hat der sich gewehrt. Im Nu haben sich die politischen Gegner die Hände gerieben, und für die Presse war es ein gefundenes Fressen. Man kann also Schostok nicht vorwerfen, dass er untätig war. Offenbar hat er zu spät und ungeschickt agiert.

      Stefan Schostok ist nicht abgewählt worden, sondern freiwillig zurückgetreten, nachdem der Druck zu groß geworden war. – Das Gericht hat ein weises Urteil gefällt, indem es Schostok freigesprochen und seine beiden Mitangeklagten zu angemessenen Strafen verurteilt hat.

      Übrigens hatte ich einmal in meinem Leben das Angebot, in einer Behörde tätig zu werden; und zwar im Staatshochbauamt Hannover II. Ich war noch jung, aber schon so schlau, dankend abzusagen und mich anderweitig zu orientieren. Ich habe es nicht bereut.

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