Die Zeit verstreicht – Update 2019

70 Jahre alt ist Gerhard Streich an diesem Sonntag geworden – 55 (fünfundfünfzig!!) davon hat er maßgeblich für unseren Verein gewirkt, als einer ihrer stärksten Spieler wie auch in Vorstandsämtern. Er hat einige Jahre die Schachkolumne in der HAZ verfasst und natürlich ungezählte Beiträge in diesem Blog.

Als ich 1987 den Schachfreunden Hannover beitrat, war Gerd ein paar Monate zuvor gerade zum 1. Vorsitzenden gewählt worden. Ich leistete in dem Jahr meinen Wehrdienst ab und nutzte den Freitagabend wohl vor allem, um bei den wilden Blitzpartien zwischen Horst-Peter Anhalt und Arthur Kölle mein Vokabular an Beleidigungen zu erweitern. Jedenfalls bekam ich zunächst kaum mit, wie turbulent es hinter den Kulissen zuging: 1986 war die Fusion mit dem SK Anderten geplatzt, und im Haus der Jugend in der Maschstraße galt es, wieder einen eigenen Spielbetrieb mit Monatsblitz, Vereinsmeisterschaft etc. auf die Beine zu stellen. Gerd bemühte sich als Vorsitzender erfolgreich um den Neustart des Vereins, eine Aufbruchstimmung habe es damals gegeben, berichtete er später rückblickend. Doch natürlich gab es auch Probleme, die es irgendwie offenbar schon immer gegeben hat – und vermutlich immer geben wird: Obwohl Michael Geveke und Gerd sich damals um die Jugendarbeit kümmerten, machte die Jugend um die Schachbretter in dem ihr gewidmeten Haus bald wieder einen Bogen, allen Anstrengungen zum Trotz.

In dieser Zeit begann auch Gerds Kampf gegen den Starrsinn von Schachfunktionären und die Bürokratie im Allgemeinen: Es ging 1988 um den hürdenreichen formalen Weg zum eingetragenen Verein. Und die Frage, ob in höheren Ligen wirklich viel Geld für Schiedsrichter bezahlt werden muss. Gerds Schachfreunde weigerten sich, verloren zur Strafe die Spielberechtigung der ersten Mannschaft in der Regionalliga 87/88 – und erkämpften sie sich zurück mit der Drohung, vor das Amtsgericht zu ziehen…

Gerd hat – auch nach seiner Zeit als Vorsitzender – den Kampf gegen Widersinn und bürokratischen Unsinn nie ganz aufgegeben. Jedenfalls tauchte das Thema in einigen seiner Blogbeiträge auf dieser Seite noch in jüngster Zeit immer mal wieder auf – weil sich seither wenig bis gar nichts zum Besseren verändert hat. „Die Menschheit kennt viele Geißeln. Die Bürokratie ist eine der schlimmsten“, schrieb er Ende 1988 in einem Rundbrief und würde es 2019 wohl nicht anders formulieren. Weiter unten heißt es: „Die Vereins-Blitzmeisterschaft (…) war eine Riesenenttäuschung. Lediglich 5 Mitspieler waren am Start.“ Unter dem Eindruck solcher Erlebnisse trat er 1989 vom Amt des 1. Vorsitzenden zurück. Doch Gerd hat in diesen Jahren einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die Schachfreunde die schwierige Phase gemeistert haben.

Gerds 55 Jahren SFH kann man nicht in wenigen Absätzen gerecht werden. Einen etwas ausführlicheren Einblick gewährte er Udo und mir zu seinem 50. Geburtstag in einem Interview für den Sonnenkönig – modernste Technologien ermöglichten es, die inzwischen etwas verblichenen Seiten zu digitalisieren. Siehe Bilder im Anhang!

Unser damaliges Edelmagazin in Hochglanzoptik nimmt sich bescheiden aus gegenüber all den Beiträgen, mit denen Gerd über die Jahre diesen Blog gefüllt hat. Neben vielen aktuellen Betrachtungen befasste er sich gern mit spannenden Rückblicken in die Geschichte des Schachs in Hannover und Niedersachsen. Manchmal eckte er dabei auch an, polarisierte und löste Proteste aus – letztlich mit der Konsequenz, dass er sich Anfang des Jahres leider hier zurückgezogen hat. Schlimmer noch: Anfang April erklärte er seinen Rücktritt vom aktiven Schach – die Turnierpartie im Mannschaftskampf der Zweiten gegen Barsinghausen soll die letzte seines Lebens gewesen sein.

Sehr, sehr schade – für mich war Gerd zwar schon 1987 ein „alter Mann“ bei den Schachfreunden, aber weder mit 50 noch mit 70 wirkte jemand vitaler auf mich als er. Der „alte“ Mann feierte schließlich nicht nur am Schachbrett, sondern auch als Radrennfahrer seine Erfolge und ist beruflich noch immer als Berater für ein Architektenbüro tätig. Vielleicht möchte er sich auch einfach noch stärker für die Initiative Jamiel Kiez engagieren? Bei dem Ziel, die Straßen rund um seine Wohnung in eine „Anwohnerzone“ zu verwandeln, müssen er und seine Mitstreiter allerdings gegen den deutschen Autowahn ankämpfen – das wäre mein persönlicher Favorit auf den Spitzenplatz unter den Geißeln.

Respekt und alles Gute, Gerd! Die Hoffnung auf ein Comeback hier und am Schachbrett bleibt.

 

 

 

2 Gedanken zu „Die Zeit verstreicht – Update 2019“

  1. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei

    Ein Schachverein ist keine Wurst, und wurscht war mir unser Verein nie. Das wird aus dem zwanzig Jahre alten Dokument deutlich, das Olaf veröffentlicht hat. Am Wahrheitsgehalt meiner Antwort, die ich nach 2 bis 3 gemeinsam geleerten Flaschen Rotwein gegeben hatte, gibt es auch heute nichts zu rütteln:

    Frage: Würdest Du heute wieder Mitglied bei den Schachfreunden werden? Ist das der Verein, in dem Du Dich wohlfühlst?

    Antwort: Ja. Der Verein hat noch immer etwas Besonderes. Er hat sich irgendetwas bewahrt, was schwer zu erklären ist. Etwas sympathisches, exotisches, was unterschwellig immer vorhanden war.

    Nichtsdestotrotz verliert die Exotik ihren Reiz, wenn kaum noch jemand da ist, der sich von ihr infizieren lässt. Schade.

  2. Olaf kann nicht nur Wort (siehe oben). Er kann auch Bild. Meine heißgeliebte Tageszeitung hat sich dies zunutze gemacht. Im heutigen Stadt-Anzeiger-West ist ein Foto von ihm zu sehen. Es geht um Lindens Nachtleben. Das sei auch für Hobbyfotografen anziehend, die es ruhiger mögen: „Unser Leser Olaf Bergmeier hat sich viel Zeit und Muße genommen, um diese besondere Aufnahme zu machen – und den Schwarzen Bären beispielhaft leuchtend in Szene zu setzen.“

    Allein deshalb lohnt sich der Kauf der HAZ. Wer sich das Foto indes genauer ansieht, wird den Verdacht nicht los, dass Olaf dienstlich unterwegs war. Wegen der Stadtbahn! Geht da noch was am Hochbahnsteig? Wegen der neuen Fahrpläne und Tarife, meine ich…

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