Die Zeit verstreicht – Update 2019

70 Jahre alt ist Gerhard Streich an diesem Sonntag geworden – 55 (fünfundfünfzig!!) davon hat er maßgeblich für unseren Verein gewirkt, als einer ihrer stärksten Spieler wie auch in Vorstandsämtern. Er hat einige Jahre die Schachkolumne in der HAZ verfasst und natürlich ungezählte Beiträge in diesem Blog.

Als ich 1987 den Schachfreunden Hannover beitrat, war Gerd ein paar Monate zuvor gerade zum 1. Vorsitzenden gewählt worden. Ich leistete in dem Jahr meinen Wehrdienst ab und nutzte den Freitagabend wohl vor allem, um bei den wilden Blitzpartien zwischen Horst-Peter Anhalt und Arthur Kölle mein Vokabular an Beleidigungen zu erweitern. Jedenfalls bekam ich zunächst kaum mit, wie turbulent es hinter den Kulissen zuging: 1986 war die Fusion mit dem SK Anderten geplatzt, und im Haus der Jugend in der Maschstraße galt es, wieder einen eigenen Spielbetrieb mit Monatsblitz, Vereinsmeisterschaft etc. auf die Beine zu stellen. Gerd bemühte sich als Vorsitzender erfolgreich um den Neustart des Vereins, eine Aufbruchstimmung habe es damals gegeben, berichtete er später rückblickend. Doch natürlich gab es auch Probleme, die es irgendwie offenbar schon immer gegeben hat – und vermutlich immer geben wird: Obwohl Michael Geveke und Gerd sich damals um die Jugendarbeit kümmerten, machte die Jugend um die Schachbretter in dem ihr gewidmeten Haus bald wieder einen Bogen, allen Anstrengungen zum Trotz.

In dieser Zeit begann auch Gerds Kampf gegen den Starrsinn von Schachfunktionären und die Bürokratie im Allgemeinen: Es ging 1988 um den hürdenreichen formalen Weg zum eingetragenen Verein. Und die Frage, ob in höheren Ligen wirklich viel Geld für Schiedsrichter bezahlt werden muss. Gerds Schachfreunde weigerten sich, verloren zur Strafe die Spielberechtigung der ersten Mannschaft in der Regionalliga 87/88 – und erkämpften sie sich zurück mit der Drohung, vor das Amtsgericht zu ziehen…

Gerd hat – auch nach seiner Zeit als Vorsitzender – den Kampf gegen Widersinn und bürokratischen Unsinn nie ganz aufgegeben. Jedenfalls tauchte das Thema in einigen seiner Blogbeiträge auf dieser Seite noch in jüngster Zeit immer mal wieder auf – weil sich seither wenig bis gar nichts zum Besseren verändert hat. „Die Menschheit kennt viele Geißeln. Die Bürokratie ist eine der schlimmsten“, schrieb er Ende 1988 in einem Rundbrief und würde es 2019 wohl nicht anders formulieren. Weiter unten heißt es: „Die Vereins-Blitzmeisterschaft (…) war eine Riesenenttäuschung. Lediglich 5 Mitspieler waren am Start.“ Unter dem Eindruck solcher Erlebnisse trat er 1989 vom Amt des 1. Vorsitzenden zurück. Doch Gerd hat in diesen Jahren einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass die Schachfreunde die schwierige Phase gemeistert haben.

Gerds 55 Jahren SFH kann man nicht in wenigen Absätzen gerecht werden. Einen etwas ausführlicheren Einblick gewährte er Udo und mir zu seinem 50. Geburtstag in einem Interview für den Sonnenkönig – modernste Technologien ermöglichten es, die inzwischen etwas verblichenen Seiten zu digitalisieren. Siehe Bilder im Anhang!

Unser damaliges Edelmagazin in Hochglanzoptik nimmt sich bescheiden aus gegenüber all den Beiträgen, mit denen Gerd über die Jahre diesen Blog gefüllt hat. Neben vielen aktuellen Betrachtungen befasste er sich gern mit spannenden Rückblicken in die Geschichte des Schachs in Hannover und Niedersachsen. Manchmal eckte er dabei auch an, polarisierte und löste Proteste aus – letztlich mit der Konsequenz, dass er sich Anfang des Jahres leider hier zurückgezogen hat. Schlimmer noch: Anfang April erklärte er seinen Rücktritt vom aktiven Schach – die Turnierpartie im Mannschaftskampf der Zweiten gegen Barsinghausen soll die letzte seines Lebens gewesen sein.

Sehr, sehr schade – für mich war Gerd zwar schon 1987 ein „alter Mann“ bei den Schachfreunden, aber weder mit 50 noch mit 70 wirkte jemand vitaler auf mich als er. Der „alte“ Mann feierte schließlich nicht nur am Schachbrett, sondern auch als Radrennfahrer seine Erfolge und ist beruflich noch immer als Berater für ein Architektenbüro tätig. Vielleicht möchte er sich auch einfach noch stärker für die Initiative Jamiel Kiez engagieren? Bei dem Ziel, die Straßen rund um seine Wohnung in eine „Anwohnerzone“ zu verwandeln, müssen er und seine Mitstreiter allerdings gegen den deutschen Autowahn ankämpfen – das wäre mein persönlicher Favorit auf den Spitzenplatz unter den Geißeln.

Respekt und alles Gute, Gerd! Die Hoffnung auf ein Comeback hier und am Schachbrett bleibt.

 

 

 

SFH3 gegen SK Turm: Zu hoch gepokert

Der heutige Kampf unserer Dritten sorgte schon im Vorfeld für Zündstoff: Durch die Ausfälle unserer drei Stammspieler Fredrik, Martin und Hermann sowie von Willi gebeutelt, erdreisteten sich unsere Mannen, nicht auch noch den gewünschten Ersatzmann an die Zweite abzugeben, um unseren Kampf gegen den SK Turm mitsamt Restchance auf den Aufstieg nicht schon vor dem Anpfiff abzuschenken.

Unter solchen Vorzeichen ging unser Mannschaftsführer am vierten Brett gleich motiviert zur Sache – und fuhr nach kaum mehr als einer halben Stunde unseren schnellsten Sieg der Saison ein! Kaum hatte uns Ulrichs forsche Eröffnungsbehandlung in Führung gebracht, unterlief Marc am siebten Brett allerdings ein folgenschweres Malheur und nach gerade mal 45 Minuten stand es 1:1.

In der folgenden Stunde schien sich der Kampf durchaus zu unseren Gunsten zu entwickeln. An keinem Brett konnte ich eine schlechtere Stellung erkennen, an Brett 2 bei André und an Brett 8 bei Philipp sah es bald recht vielversprechend aus.

Als in der vierten Stunde nahezu zeitgleich an allen Brettern die Ernte eingefahren wurde, war es folgerichtig zunächst André, der seinen Stellungsvorteil mit Läuferpaar und vorgerücktem Freibauern zu einem vollen Punkt verwertete (2:1). Peter am dritten Brett hatte zwar ein Turmendspiel mit Mehrbauern erreicht, sah aber keine Möglichkeit, dieses zu gewinnen – Remis (2,5:1,5).

Bernd schlug an Brett 6 ein Remisangebot seines Gegners aus. Vermutlich zu Recht. Allein, er lief dann in einen tödlichen Konter… Nebenan an Brett 5 verpuffte inzwischen nicht nur Udos Königsangriff, am Damenflügel ging seine Stellung den Bach runter. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verdarb ich am ersten Brett auch noch meine bis zum 19. Zug völlig sorgenfreie Partie: Ich wickelte per Läufer- und Damentausch ins Endspiel ab, hatte dabei aber ein unangenehmes Springermanöver  missachtet. Die auf einmal gedrückte Stellung war in aufkommender Zeitnot kaum zu halten, ich entschied mich für einen Qualitätsverlust mit anschließender Zeitüberschreitung…

Macht summa summarum vier verpatzte Partien – eine zuviel! Immerhin brachte unser Nachwuchstalent Philipp dann noch seine Gewinnstellung nach Hause und sorgte für unseren dritten vollen Punkt. Endstand 3,5:4,5.

Müssen wir sonst noch was bereuen? Ich denke nicht. Unsere Zweite erzielte zu siebt ein 4:3 gegen eine mit fünf (!?) Spielern angetretene HSK-Dritte. Unser nicht abgestellter Ersatzmann hätte kampflos am achten Brett gewonnen… Nebenbei haben wir unserem heutigen Gegner zum Klassenerhalt verholfen und sichern uns damit auch in der kommenden Saison ein Gastspiel im wohl besten Spiellokal des Schachbezirks Hannover: Der frisch renovierte „Felsentreff“, nun wieder Heimstätte für den Blinden-Schachverein SK Turm, bot perfekte Bedingungen. Wobei: In der Bezirksliga ist nach wie vor nichts endgültig entschieden. Als Tabellenfünfter liegt unsere Dritte, allen verpassten Chancen und allen verschenkten Punkten dieser Saison zum Trotz, vor dem letzten Spieltag noch immer in (allerdings ziemlich theoretischer) Reichweite zu den Aufstiegsplätzen.

SFH 3 gegen Berenbostel 2: Spannender Kampf ohne Happy End

In der siebten Runde durfte sich unsere Dritte gegen den aktuellen Tabellenführer Berenbostel 2 beweisen. Während wir mit unserer Stammformation antreten konnten, mussten unsere Gäste gleich mehrfach Ersatz für ihre Landesliga-Mannschaft stellen.

Der Kampf entwickelte sich fast optimal: Einem schnellen Remis von Peter an Brett 5 – er war in nicht einmal einer Stunde in ein ausgeglichenes Turm-/Figurenendspiel gelangt – folgten unerwartet schnelle Siege an den beiden Spitzenbrettern. An Brett 1 spielte Uwe Daleszynski mit Weiß ein mir – sagen wir mal: nicht gänzlich unbekanntes, nach einer britischen Metropole benanntes System, kam aber mit dem frühen Damenzug nach b6 suboptimal zurecht und verlor schon nach 14 Zügen entscheidend Material. An Brett 2 entschied sich Florian Körber für die lange Rochade gefolgt von einem Königsabstecher nach a7, lief damit aber letztlich nur in Fredriks Angriff hinein. So stand es nach nicht einmal zwei Stunden 2,5:0,5 für uns.

Bald wurde deutlich, dass damit noch längst keine Vorentscheidung gefallen war. Hermann (Brett 7) rechnete sich Remischancen infolge ungleichfarbiger Läufer aus, doch waren auf dem Brett auch noch alle Türme unterwegs und sein Gegner hatte neben einem Mehrbauern eindeutig die Initiative. Nachdem Hermann dann noch ein-, zweimal vielleicht nicht den besten Zug fand, musste er gegen 13 Uhr kapitulieren: Nur noch 2,5:1,5.

Alle vier verbliebenen Partien waren hart umkämpft und passierten in annähernd ausgeglichenen Stellungen die Zeitkontrolle. Nach fünf Stunden und 66 Zügen stand bei Bernd ein völlig ausgeglichenes Figurenendspiel mit festgelegten Bauernketten auf dem Brett – Remis und 3:2.

André (Brett 4) war in einem Endspiel Läufer + 4 Bauern gegen Springer + 4 Bauern gelandet, jedoch mit entferntem Freibauer auf der a-Linie für Harald Warns. Es gelang André, den Freibauern zu entschärfen und mit dem König abzuholen, in Abwesenheit des Monarchen ging aber auch die weiße Bauernmehrheit am Königsflügel flöten: Nach 6 Stunden ein weiterer halber Punkt zum 3,5:2,5.

Ulrich (Brett 6) hatte ein Turm+Läufer-Endspiel mit einem isolierten Freibauern auf der c-Linie erreicht, den es zu behaupten galt. Nach Abtausch der Türme sollte hier nichts mehr anbrennen.

Problematischer stand es mittlerweile um Martin mit Schwarz an Brett 3: In einem Schwerfigurenspiel mit Dame + 2 Türmen hatte Karl-Heinz Ockels seine Geschütze am Königsflügel aufgefahren, Martin war derweil durchaus vielversprechend gegen die weißen Bauern am Damenflügel vorgegangen. Leider versäumte unser Mann in der Folge aktive Verteidigungszüge gegen den weißen Bauernvorstoß nach h6 und geriet in eine gedrückte Stellung, in der seine Dame zwecks Mattverhinderung an das Feld f8 gebunden war. Längere Zeit schien es, sein Gegner könne daraus kein Kapital schlagen, dann aber entdeckte der Berenbosteler ein starkes Bauernopfer in der c-Linie, wonach Martin das tödliche Eindringen eines weißen Turms über die a-Linie nicht mehr verhindern konnte. Nach 6,5 Stunden musste er eine bittere Niederlage quittieren.

Daraufhin wurde bei Ulrich am 6. Brett die sich schon lange abzeichnende Punkteteilung vereinbart und einer der spannendsten Mannschaftskämpfe der Dritten seit Jahren (Dank an alle Beteiligten!) endete mit einem 4:4-Unentschieden. Nach den über vier Stunden, in denen wir in Führung lagen, machte sich ein wenig Enttäuschung breit: Wie schon beim letzten Heimspiel gegen Stolzenau ließen wir einen Mannschaftspunkt liegen. Mit einem Sieg heute wären wir an Berenbostel vorbeigezogen und auf einen Aufstiegsplatz geklettert… Aber die Verbandsliga, auch das hat sich heute bestätigt, wäre für unsere Dritte wohl ohnehin eine Nummer zu groß.

SFH3 – SK Stolzenau: Am Ende wieder ein Punkt

Diesmal „nur“ Martin: Endlich konnte unsere Dritte mal an den Start gehen, ohne gleich mehrere Stammkräfte an die Erste oder Zweite abzugeben und ohne Ersatz aus der Vierten zu benötigen. Brauchbare Voraussetzungen also. Beim letzten Aufeinandertreffen mit dem SK Stolzenau ein paar Jahre zuvor, noch in der Bezirksklasse, hatten wir eine knappe Niederlage kassiert.

Doch dann das: Um 11 Uhr war an Brett 4 schon alles vorbei. Für Partien mit Willi Kwiotek eigentlich nichts ungewöhnliches, man darf ihm eine gewisse Tendenz zum frühen Remis nachsagen. Bloß war von Willi heute weit und breit nichts zu sehen… Warum: Weiß man nicht. In zwei Wochen ist er hoffentlich gesund und munter wieder dabei.

Kaum war das Minus auf der Spielberichtskarte eingetragen, musste für den Nebentisch eine Null hinzugefügt werden. Für Peter Moje stand heute die Fahrzeit zwischen Wohnort und Spiellokal in einem sehr ungünstigen Verhältnis zur Spielzeit. Dem Hörensagen nach ging er aus einer taktischen Abwicklung mit einer Figur weniger hervor.

Gegen 12 Uhr war aus dem 0:2 ein 1,5:3,5 geworden. Ich fand an Brett 1 in einer langweiligen Abtauschvariante keine bessere Alternative, als mich auf eine Zugwiederholung einzulassen, woraufhin Kritiker einwarfen, bei einer Partie Bergmann gegen Bergmeier sei auch nichts anderes zu erwarten gewesen… Man hat es eben nicht leicht mit einem Berg im Namen. Jedenfalls: Bei André an Brett 3 war nach der Eröffnungsphase ebenso schnell die Luft raus und die Punkteteilung besiegelt. Bei Freddy an Brett 2 wurde dem Publikum deutlich mehr geboten, doch schnell verzog sich der Pulverdampf und der Blick fiel auf ein festgefahrenes Turm+Springer- gegen Turm+Läufer-Endspiel – das dritte Remis.

Also mussten Ulrich, Hermann und Bernd an den Brettern 6 bis 8 den Karren aus dem Dreck ziehen. Und man mochte es kaum glauben, bei allen drei zeichneten sich im Verlauf der dritten Stunde reelle Gewinnchancen ab! Ulrich hatte an Brett 6 nach eher verkorkster Eröffnung einen Bauernangriff am Königsflügel gestartet, der bedrohliche Ausmaße annahm. Schließlich war der Stolzenauer gezwungen, eine Figur gegen zwei Bauern zu opfern, um Mattdrohungen zu parieren. Und auch an Brett 7 gab es freundlicherweise ein paar Geschenke für uns: In gewohnt turbulenter Stellung nahm Hermann zunächst eine Qualität mit, aus der nach einem weiteren taktischen Fehler ein ganzer Turm wurde. Zwar versäumte es Hermann, mit ein paar weiteren kraftvollen Zügen die sofortige Aufgabe zu erzwingen, sorgte aber dennoch ungefährdet für einen wichtigen vollen Punkt, nachdem sein Gegner in immer noch klar verlorener Stellung die Zeit überschritten hatte.

An Brett 8 versuchte der Stolzenauer, Löcher am Königsflügel mit einem zweifelhaften Bauernopfer zu stopfen. Bernd gelang es im weiteren Verlauf, seinem Freibauer auf f6 noch einen Begleiter auf g5 zur Seite zu stellen und die beiden in Bewegung zu setzen – unser zweiter Sieg und der Ausgleich zum 3,5:3,5.

Jetzt hätte Ulrich nur noch seine Mehrfigur verwerten müssen, und wir hätten einen lange Zeit nicht für möglich gehaltenen Sieg eingefahren. Hätte, hätte! Leider wollte aber unserem gesundheitlich angeschlagenen Mannschaftsführer nicht einfallen, wie dies zu bewerkstelligen war, sodass er schließlich ins Remis einwilligte. Zur Vermeidung weiterer Schmerzen sollte er die Partie besser nicht analysieren…

Ungeachtet des kleinen Malheurs können wir mit einem 4:4 in Unterzahl gegen ebenbürtige Stolzenauer vollauf zufrieden sein. Mit nunmehr 6 Mannschaftspunkten ist SFH3 dem Saisonziel Klassenerhalt wieder einen Schritt näher gekommen!

Wolfsburg: Partienachlese (1)

Brett 7: Bergmeier, Olaf – Degen, Wladimir nach 19.De3

Diagramm 1

Für die ersten 19 Züge hatte ich bereits rund 1:45 Stunden meiner Bedenkzeit verbraten, ohne das Geschehen auch nur halbwegs zu durchschauen. Wladimir Degen spielte die Partie bis hierhin und ab dem 22. Zug tadellos – Respekt, er gewann hochverdient! Aber: Ausgehend von der Diagrammstellung tappt auch er für ein paar Züge im Dunkeln, was mir im 21. Zug gar den vollen, danach längere Zeit den halben Punkt auf dem Präsentierteller anreicht: 19….Dxb2 20.Sc4 Wie so oft, stellt sich der Bauer b2 als reichlich vergiftet heraus. Die schwarze Dame hat kaum sinnvolle Rückzugsmöglichkeiten. Fritz empfiehlt 20….Db5, aber welches Wesen aus Fleisch und Blut stellt seine Teuerste freiwillig in einen solchen Springerabzug? Eher drängt sich 20….Df6 auf, doch nach 21.Se5 droht Weiß nicht nur Sd7, sondern hat mit g4 oder Tc7 auch freundliche Angriffsoptionen, die den Minusbauern allemal aufwiegen sollten. Dennoch war Df6 hier das deutlich kleinere Übel – der Partiezug 20….Da2?? bedeutet Matchball für Weiß!

Tags zuvor war ich über www.sochi2014.fide.com gerade Augenzeuge geworden, wie Magnus Carlsen den Bockzug Kd2 fabrizierte und Vishy Anand die Riesenchance mit dem Bauernzug a4 dramatisch verpasste. Meine Güte, Sxe5 sieht doch jeder, so oder ähnlich dachten wohl viele. Nun, liebe Freunde des gepflegten Blunders, hier ist mal wieder die Gelegenheit: Wie nutzt Weiß am Zug in der Diagrammstellung den schwarzen Fehlgriff aus?

Diagramm 2

21.g4? Versemmelt! A tempo gespielt, ich hatte ja nur noch wenig Zeit… Aber ehrlich gesagt: Auf 21.Ld1!+–  wäre ich vermutlich auch bei deutlich längerem Nachdenken kaum gekommen. Es droht Lb3 nebst Damenverlust, was Schwarz nur durch Figurenopfer verhindern kann, z.B. 21….Lxa3 oder 21….Tc8 22.Lb3 Lc5 23.Dxc5 Txc5 24.Lxa2 b5 25.Td1 g5 26.Se3 gxf4 27.Sxf5 Txf5, jeweils mit weißer Gewinnstellung. Jaja, immer schön alle Kandidatenzüge finden! Nun, äh… Meine Chancen als nächster Herausforderer des Weltmeisters muss ich wohl noch einmal neu überdenken, fürchte ich. Immerhin, einen Vorteil hat das Dasein in den Niederungen: Während Carlsen und Anand ihre Fehlgriffe sofort bemerkten und letzterer fortan fast schon im Schockzustand agierte, ahnten hier beide Akteure quasi: nix und hatten ungeachtet des Ausgangs ihren Spaß am Fortgang der Partie. Es folgte: 21…Lb1? 21…Lc2 sieht auch verdächtig aus, gefällt Fritz aber besser. 22.f5 Erneut ging 22.Ld1, aber jetzt hätte Schwarz – wenn er sie denn findet! – die Riposte 22….Lh4! 23.Lb3 Lxf2+ 24.Dxf2 Dxb3 25.Sd2 Dxa3 26.Txb1. Der Partiezug ist in diesem Fall wohl die bessere Wahl. 22…b5 Der Wolfsburger schlug später die Alternative 22…Lc5!? vor. Die Aussichten nach 23.Dxc5 Dxe2 24.Txb1 Dxg4+ 25.Kf1 Dh3+ 26.Ke2 Td8 27.Se3 Dh5+ 28.Ke1 Dxh2 kann ich schlecht einschätzen.

Diagramm 3

23.fxe6! Lg6! Für einen Moment zeigen sich mal beide Akteure der Stellung gewachsen. Hier ging 23…bxc4? nicht wegen 24.exf7+ Txf7 25.Lxc4 Db2 26.Te1+–, interessant war aber noch 23…f5?! mit der relativ forcierten Folge 24.Sb6 Le4 25.Sc8 Lxa3 26.e7 Te8 27.Td1 Lxe7 28.Sxe7+ Txe7 29.f3 De6 30.fxe4 Dxe4 (30…fxe4 31.Dc5 e3 32.Td6 Df7) 31.Td8+ Kf7 32.Df2 g6 33.Lf3. Die weiße Mehrfigur wird kaum zum Gewinn reichen, aber der halbe Punkt scheint sicher. 24.exf7+ Lxf7 24…Txf7? 25.Se5 Dxa3 26.Sxf7 Dxe3 27.fxe3 Lxf7 28.Tc8+ Lf8 29.Ta8 b4 30.Txa6+– 25.Dxe7 bxc4 26.Td1 Fritz schlägt hier ganz ruhig 26.Lf1 vor, wonach Schwarz nicht so viel hat – z.B. scheitert 26….Te8?? direkt an 27.Dxe8++–. Aus praktischen Gesichtspunkten (knappe Zeit!) war 26.Td1 dennoch richtig, um die Ereignisse zu forcieren und wenn schon keinen vollen, dann zumindest per Dauerschach einen halben Punkt mitzunehmen. 26…h6! Hier hatte Schwarz wenig Auswahl, um Td8 zu parieren.

Diagramm 4

27.Lf3 In den Analysen nach der Partie als möglicher Verlustzug kritisiert, doch der kommt erst später… Trotzdem: Stärker war hier 27.Td7!, was Schwarz erneut wenig Optionen lässt: 27….c3 (27…Db1+?! 28.Kg2; 27…Db3 28.Tc7 Db1+ 29.Lf1 unklar) 28.Td8 Txd8 29.Dxd8+ Kh7 30.Ld3+ g6 31.Df6 Db3 und nun der entscheidende, von mir übersehene Remisbringer: 32.Lc2!. Dass der Partiezug Lf3 auch seinen Sinn hat, zeigt sich bei einem Blick auf die andere naheliegende Alternative: 27.Td8 Txd8 28.Dxd8+ Kh7 29.De7 Da1+ 30.Kg2 (30.Lf1 Lg6–+) 30…Ld5+ 31.Lf3 (31.f3 Dd4 32.Kg3 c3 33.Dd7 De5+ 34.Kf2 unklar) 31…Dd4 32.Kg3 Lxf3 (32…Dd3 33.De3) 33.Kxf3 c3 34.De2 ebenfalls unklar. 27…c3 28.Td8 Db1+! 29.Kg2 Txd8 30.Dxd8+ Kh7 31.Dc7 Db3 32.Le4+ Lg6 33.Lxg6+ Kxg6 34.Dd6+  Oder 34.Dc6+ Kf7 35.Dd7+ Kf6 36.Df5+ (36.Dd6+ De6 37.Dd4+ De5 38.Dc4) 36…Ke7 37.De5+ Kd7! 38.Dxg7+ Kc6 39.Dxh6+ Kb5 40.Dh5+ Ka4 41.Dc5 Db7+ 34…Kh7 35.Dd3+ Kh8

Diagramm 5

In all diesen Abwicklungen führen viele Wege zum Remis. Bloß nicht mein folgender Partiezug: 36.Dd8+?? Schmeiß weg! 36.Dxa6! c2 (36…Dd5+ 37.f3 Dd2+ (37…Kh7 38.De2 Dd2 39.Kf2 Db2 40.Ke3 c2 41.Dd3+ mit Remis) 38.Kg3 c2 39.Dc8+ Kh7 40.Df5+ und Dauerschach. 36…Dg8 –+ 37.Dc7 Dd5+ 38.Kg3 38.f3 Dd2+ 39.Kf1 Dd3+ 40.Kf2 c2 41.Db8+ Kh7 42.Df4 Kg8 43.h4 (43.Db8+ Kf7) 43…Dc3 38…Dd3+ 39.Kf4? Danach ist es völlig hinüber, aber auch 39.Kg2 De4+ 40.f3 Dd3 41.Kg3 c2 42.h4 Dd1 43.Dc8+ Kh7 44.Df5+ Kg8 45.De6+ Kf8–+ reicht nicht mehr. 39…c2 40.Dc8+ Kh7 41.Ke5 De2+ 42.Kd4 Dd2+ 43.Ke4 c1D Die folgenden Racheschachs hätte ich mir schon sparen können, aber was soll‘s: 44.Df5+ Kg8 45.De6+ Kf8 46.Df5+ Ke7 47.De5+ Kd8 0–1

Fazit: Die Partie war jetzt nicht gerade ein Ruhmesblatt für mich – gefallen hat sie mir trotzdem, wie auch der ganze Mannschaftskampf viel geboten hat, siehe den Bericht von Gerhard. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie sich ein solcher trüber Novembersonntag besser gestalten ließe – kleiner Wink an den einen oder anderen (?) aus unserer Ersten, der vielleicht, also rein eventuell, an meiner Stelle hätte spielen können!

 

 

 

SFH3 – SK Wennigsen: Je oller, je doller

Der Kampf unserer dritten Mannschaft gegen den SK Wennigsen ist nun schon fast eine Woche her – trotzdem fand ich ihn bemerkenswert genug, um Euch hier noch davon zu berichten.

Es werden in diesem Jahr 30 Jahre, seit denen ich in Vereinen Schach spiele, die meiste Zeit davon bei den SFH. Da lehnt man sich in einem schwachen Moment schon mal aus dem Fenster und glaubt: Viel Neues kommt nicht mehr. Kennste alles schon. Ich werde alt. Und so weiter…

Bei unseren letzten Mannschaftskämpfen wurde ich eines besseren belehrt. In der 5. Runde hat die Dritte gegen den Blindenverein SK Turm gespielt: Im Sperrmüll-Ambiente eines abgewrackten Hinterzimmers der Kleefelder Raucherkneipe „Bei Edgar“. Kompliment an Martin für seinen diplomatischen Bericht dazu! Vergleichbares ist mir in 30 Jahren nicht untergekommen (den Raum 10 im FZH sehe ich seither mit anderen Augen). Dann die 6. Runde, maximaler Kontrast: Mit der ersten Mannschaft in Lüneburg! Bei Lüneburg spielt – infolge eines ziemlich dubiosen Spielverbots für Bundesliga und 2. Liga – am ersten Brett Falko Bindrich, ein Großmeister mit nicht weniger als ELO 2577. Man ahnt es bereits: Das ist mir in 30 Jahren noch nicht untergekommen.

7. Runde, zurück in den „Niederungen“ der Bezirksklasse. Durch herausragende Spielstärke stach auf dem Papier niemand hervor. Dafür durch Alter: Lässt man bei unserem Gast, dem SK Wennigsen, ein paar Bretter außen vor, dürfte der Rest der Mannschaft einen Schnitt von 75, wenn nicht 80 Jahren aufgewiesen haben. Nee, an vergleichbares kann ich mich auch hier nicht erinnern.

Einer der rüstigen Wennigser Senioren war mir schon in der letzten Saison besonders aufgefallen, und auch diesmal spielte er gegen Martin am vierten Brett die längste Partie. Die Rede ist von Günter Heimberg. Für eine knallharte Recherche keine Kosten und Mühen sparend, habe ich den Mann gerade mal gegoogelt, und erfahre in den Calenberger Online News: Der jetzt 87-jährige hat 2013 das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ erhalten, für seine „besonderen Verdienste um das Allgemeinwohl und sein Engagement für den Sport in den vergangenen 60 Jahren“. Heimberg wurde 1949 Mitbegründer des Schachklubs Wennigsen, nachdem er sich in dreieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft intensiv dem Schachspiel gewidmet hatte. Von 1952 bis 2013 war er über sechs Jahrzehnte 1. Vorsitzender seines Vereins, unter anderem organisierte er in Wennigsen Großveranstaltungen wie die Deutsche Damenmeisterschaft 1961 oder den Niedersächsischen Schachkongress 1955. Kurzum: Als ich 1984 gerade erst anfing, hatte der Mann schon 35 höchst aktive Vereinsjahre auf dem Puckel. Und wenn ich im Jahr 2054 noch so gut und vital Schachspielen können sollte wie ein Günter Heimberg jetzt, wäre ich wohl ganz zufrieden.

Für leuchtende Vorbilder unter älteren Jahrgängen bräuchte ich natürlich gar nicht erst bis zum Deister zu schauen. Auch bei den Schachfreunden wird man fündig, und auch bei unserem Mannschaftskampf gegen Wennigsen: Hermann Schulz fuhr mit forschem Angriffsspiel einen flotten Sieg ein und leitete so den ungefährdeten Erfolg unserer Dritten ein. Umso respektabler, weil Hermann von einer Augenoperation noch deutlich gezeichnet und beeinträchtigt war. Sollte sein Gegner später geträumt haben, von  einem einäugigen Piraten überfallen worden zu sein, würde es mich nach dieser Partie nicht wundern.

Freddy setzte schon durch bloße Anwesenheit ein positives Signal: Noch zwei Tage zuvor sah es danach aus, dass er sich in der zweiten Mannschaft festspielen müsste – die Aufstiegsambitionen unserer Dritten hätte das nicht gerade untermauert. Stattdessen steuerte er nun einen wichtigen Sieg am zweiten Brett gegen den nominell stärksten Wennigser Bernd Haletzki bei, welcher im Vorjahr noch Andreas Herrmann ein Remis abgetrotzt hatte. Mit Weiß und aus seiner bekannten Eröffnung heraus verfügte Freddy bald über einen Mehrbauern, der als Isolani auf e3 allerdings von allen Schwerfiguren des Gegners ins Visier genommen wurde. Das hätte ein langwieriges Endspiel werden können, doch als der Wennigser auch noch seine verbliebenen Bauern mobil machte, nutzte Freddy geschickt die Gelegenheit zu einem schwerwiegenden Konter gegen den schwarzen König.

Peter dürfte in der gesamten Bezirksklasse (im gesamten Bezirk?) der Spieler mit der weitesten Anreise sein. Erfreulich, dass er mit seinem neuerlichen Erfolg dann die Weichen klar auf Mannschaftssieg stellte, nachdem Willi und André guten Gewissens mit ihren Gegnern Punkteteilungen vereinbart hatten. Bei 4:1-Führung und vielversprechenden Aussichten auf den übrigen Brettern  konnte auch ich selbst in Ruhe prüfen, ob sich aus jener Eröffnung, mit der ich in Lüneburg nach 10 Zügen remisiert hatte, vielleicht doch etwas mehr herausholen ließ. Nach 38 Zügen bescheinigt Fritz mir satte 0,68 Stellungsvorteil… Carlsen und Fritz hätten bestimmt noch weitergespielt, ich dagegen sah im Endspiel keine Verwertungsmöglichkeiten mehr und bot Remis.

Den vorletzten Punkt zu unserem ungefährdeten 6,5:1,5-Erfolg steuerte dann unser Mannschaftsführer bei – nachdem Ulrich in dieser Saison fast schon das Remis abonniert zu haben schien. Und schließlich musste dann auch Günter Heimberg feststellen, dass sein Läuferendspiel gegen Martin einfach nicht zu halten war. „Für mich kann eine Schachpartie so spannend sein wie ein Kriminalroman. Allerdings wird beim Schach im Gegensatz zum Krimi erst am Ende einer erledigt“, soll Heimberg in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Verdienstkreuzes gesagt haben. Mit seinen 87 Jahren hat er den Vorsitz in Wennigsen inzwischen wohl niedergelegt, wird aber in den Bezirkslisten immer noch mit einem Vorstandsamt aufgeführt: Als Jugendwart.