Meine unvollendete Fernschachpartie

Eine Info auf der Webseite des DSB hat mich neugierig gemacht. Hans Ellinger wird heute 78 Jahre alt. War da nicht etwas? Ja! Vor 50 Jahren habe ich gegen ihn eine Fernschachpartie gespielt. Damals war er 27 Jahre alt und von Beruf Gerichtsassessor. Nach Ende der Partie habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Diese Lücke konnte ich jetzt zum Teil schließen. Die Vita von Dr. Hans Ellinger ist beeindruckend. Das steht über ihn auf der DSB-Seite:

„Hans Ellinger, Ehemaliger Leiter der Staatsanwaltschaft Tübingen. Der FIDE-Meister gehörte 2016 seit über 50 Jahren dem SV Tübingen an, war mehrere Jahre dessen Vorsitzender und ist heute dort Ehrenmitglied. Von 2005 bis 2009 war er Präsident des Württembergischen Schachverbandes, bei dem er inzwischen ebenfalls Ehrenmitglied ist. Ellinger ist Mitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft, der Ken Whyld Association und derChessCollectors International, sowie des von ihm in Tübingen mitgegründeten Förderkreises Schachgeschichtsforschung. Er ist Herausgeber der inzwischen auf neun Bände angewachsenen Publikationsreihe Tübinger Beiträge zum Thema Schach.“

Wenn man weiter forscht, stößt man auf spektakuläre Gerichtsverfahren, mit denen Dr. Hans Ellinger beauftragt war. Das bekannteste ist wohl die Dopinggeschichte um Dieter Baumann, in der es um die ominöse Zahnpastatube ging. Einer seiner Tübinger Beiträge wurde 2008 auf ChessBase veröffentlicht. Das Thema lautet: „Wie die NAZIS das Schachspiel für ihre Propaganda missbrauchten.“ http://de.chessbase.com/post/-tbinger-beitrge-interview-mit-dr-hans-ellinger

Auch als Schachspieler ist Hans Ellinger nach wie vor eine Größe. Er spielt in der 1. Mannschaft am 1. Brett des SV Tübingen 1870 e.V. In der vergangenen Saison holte er 6:3 Punkte. Das war die Grundlage für den Aufstieg seiner Mannschaft in die Bezirksliga des Schachverbands Württemberg.

Welch ein erfülltes Leben! Und ich war vor 50 Jahren ein kleiner Teil davon. Wer weiß, was aus ihm und mir geworden wäre, hätte uns eine Fernschachpartie nicht ein Jahr lang beschäftigt!? – Als Fernschach noch unschuldig war, weil es keine Schachcomputer gab, waren unkonventionelle Eröffnungen an der Tagesordnung. Im 9. Zug verlor Hans Ellinger durch einen Patzer einen Bauern. Anschließend stand ich zwanzig Züge lang besser, wenn nicht auf Gewinn. Danach war die Stellung ausgeglichen. Ein Remisangebot lehnte mein Gegner ab, weil er sonst hinter mir gelandet wäre. Wir kämpften um den Sieg in der siebenköpfigen Vorrunde zum 7. Deutschen Fernschach-Pokal. 1971 sollte Schluss sein. Im 37. Zug unterlief mir ein Fehler, der einen Bauern kostete. Wir spielten unverdrossen weiter, bis die Partie am 1. Mai 1968 aus Zeitgründen abgebrochen werden musste. Das belegt die letzte Karte meines Gegners, die er am 04.05.1968 abgeschickt hat:

EllingerAuf der Vorderseite hat er den Text vollendet: … zukünftige Partien alles Gute. Ihr Ellinger

Wie die Partie gewertet wurde, weiß ich nicht mehr. Vermutlich ist die Endstellung für mich verloren, aber ohne Computer ist die Verifizierung schwierig. Für mich war der Partieausgang nebensächlich, weil ich den Aufstieg so oder so geschafft hatte. Allerdings war meine Fernschachära ein Jahr später wegen meiner Einberufung zur Bundeswehr beendet.

In dem Turnier habe ich unter anderem gegen Peter Kopp gespielt. Diese Partie habe ich euch bereits hier gezeigt:

https://www.schachfreunde-hannover.de/bergen-war-eine-reise-wert/#comment-864

Mindestens drei der sieben Spieler aus meiner Vorrunde haben sich ihre Lust am Schachspielen ein Leben lang bewahrt und nebenbei eine bemerkenswerte Berufskarriere hingelegt. Damals war ich der Jüngste. 50 Jahre später kann ich mit Stolz feststellen, dass mein Zeitvertreib nicht vergeblich war.

„Wenn wir jung sind, vermeinen wir, dass die in unserem Lebenslauf wichtigen und folgereichen Begebenheiten und Personen mit Pauken und Trompeten auftreten werden, im Alter zeigt jedoch die retrospektive Betrachtung, dass sie alle ganz still, durch die Hintertür und fast unbeachtet hereingeschlichen sind.“ (Arthur Schopenhauer)

Hier ist die unvollendete Fernschachpartie:

Anmerkung: Das Programm verlangt ein Ergebnis.

**********************************************************


**********************************************************

Kunstmann
**********************************************************

**********************************************************

Weiß zieht und gewinnt (siehe Kommentar vom 01.10.2017

Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz
Stellung nach dem 17. Zug von Schwarz

**********************************************************

Ein grober Bock (siehe Kommentar vom 02.10.2017)

Weiß: Voß, Ernst-Wilhelm (Niendorf/Ostsee)
Schwarz: Streich, Gerhard
Fernschach 1968

Voß-StreichStellung nach dem 24. Zug Tf1-d1??

Meine Antwort kam postwendend: 24… Dxd2. Darauf hat mir mein Gegner wie ein Gentleman mit dieser Postkarte zum Gewinn der Partie gratuliert:

Voß-Streich

11 Gedanken zu „Meine unvollendete Fernschachpartie“

  1. Aus der besagten Vorrunde zum 7. Deutschen Fernschachpokal möchte ich euch noch eine Kurzpartie zeigen, die für Liebhaber von Holländisch von theoretischem Wert ist (siehe oben). Das Gambit mit 2.e4 auf 1. … f5 ist eine zweischneidige Angelegenheit. Wenn Schwarz nicht aufpasst, geht es ihm blitzschnell an den Kragen. So erging es z.B. GM Klaus Bischoff bei der Deutschen Blitzschacheinzelmeisterschaft 1979 in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Mit dieser Eröffnung konnte ich ihn vernichtend schlagen.

    Mein Gegner aus Flensburg kam mir mit seinem Fehler (13. … Sg4?) entgegen. Heutzutage wäre der Zug in einer Fernschachpartie undenkbar. Aber früher wurde noch selbst gedacht (und gepatzt). In den Datenbanken gibt es ein paar Partien mit ähnlichem Eröffnungsverlauf. Meine Neuerung (!) 10. Sa3 statt 10. Sc3 hat offenbar niemand kopiert. Dabei halte ich den Zug für stärker. Der Springer auf a3 erlaubt nämlich, den Läufer nach c4 zu stellen und das Feld b5 trotzdem im Visier zu behalten.

    Für Insider habe ich noch einen heißen Tipp, den mir ein wahrer Meister verraten hat: Die stärkste Widerlegung des Gambits soll 5. … Dd6! statt 5. … h6 sein.

  2. Da wir gerade beim Fernschach sind, möchte ich euch eine Partie zeigen (siehe oben), die aus einem internationalen Fernschachturnier stammt, das ich im Anschluss an das nationale Pokalturnier gespielt habe. Die Eröffnung ist das Gegenstück zur Partie gegen den Schachfreund Jürgen Nickel aus Flensburg. Es handelt sich um das From-Gambit. Die ersten 9 Züge waren Theorie. Danach leistete sich Weiß zwei ungenaue Züge, die ich kompromisslos ausnutzen konnte. Für mich war es eine Partie wie aus einem Guss. Nach 18 Zügen war mein Gegner in einer aussichtslosen Lage, die ihn zur Aufgabe zwang (siehe Karte oben).

    Mein Gegner stammte aus Doberlug-Kirchhain (DDR). Ein weiterer Spieler dieser Gruppe stammte aus der DDR, nämlich aus Gotha. Darüber hinaus hatte ich es mit Schachfreunden aus den USA, UdSSR, CSSR, Polen und Schweden zu tun. Diese Mischung war ein Beitrag zur Völkerverständigung. Die zwei Jahre, in denen ich mich in jungen Jahren mit Fernschach beschäftigt habe, waren deshalb in zweierlei Hinsicht fruchtbar: Ich habe mit netten Menschen korrespondiert und eine Menge über Eröffnungen gelernt.

    Heutzutage macht Fernschach meines Erachtens keinen Sinn mehr. Der Deutsche Fernschachbund hat aktuell zwar noch 1.916 Mitglieder, aber ich habe den Eindruck, dass die überwiegend aus Tradition zur Stange halten. In den eigenen Reihen wird der Remistod durch „ausgelutschte“ Eröffnungen beklagt. „No Engine“ ist zwar das erklärte Ziel, wer’s glaubt, wird bekanntermaßen selig.

  3. Tübingen hat den Hans. Hannover hat den Peter. Beide hören auf den Familiennamen „Ellinger“. Gegen beide habe ich Schach gespielt. Gegen den Hans vor 50 Jahren eine Fernschachpartie; gegen den Peter vor 21 Jahren eine Turnierpartie in der Verbandsliga Süd. Da ich euch die Partie gegen den Hans gezeigt habe, möchte ich euch die gegen den Peter nicht vorenthalten (siehe oben). Die Partie ist nämlich sehenswert. Bis um den 20. Zug herum hatte der Peter alles richtig gemacht. Dann verlor er den Faden mit der Folge, dass seine Stellung förmlich explodierte.

    Die Partie stammt aus der letzten Runde der Saison 1995/96. Wir gewannen den Kampf mit 4,5 : 3,5 Punkten. Weitere volle Punkte erzielten Arthur Kölle und Thomas Lampe. In der Abschlusstabelle belegten wir den 4. Platz mit 11:7 Punkten vor dem SK Lister Turm mit 10:8 Punkten. Aufsteiger war damals der PSC Hannover. Der Witz: die drei von mir genannten Vereine haben inzwischen fusioniert. Der PSC mit Hannover 96, der SK Lister Turm mit dem HSK und wir, die Schachfreunde Hannover, mit der Schachvereinigung.

    Wie der Hans (Jahrgang 1939) ist der Peter (Jahrgang 1958) dem Schachspiel nach wie vor aktiv verbunden. Nebenbei ist der Peter Spielleiter in seinem Verein. Und jetzt kommt eine weitere Analogie: Nach eigenen Angaben war der Peter einmal Deutscher Meister im Fernschach. Damit schließt sich der Kreis. Weitere Ähnlichkeiten wären rein zufällig.

    1. Und Trier hatte die Schulschachlegende Kurt Lellinger, zu dessen Ehre dieses Jahr der 10. Deutsche Schulschachkongress vom 10. – 12. November dort von der Deutschen Schachjugend in Kooperation mit den Rheinland-Pfälzern ausgerichtet wird. Ob Gerd oder ein Fast-Namensvetter sich dort vielleicht „hin verirren“ ?
      Vom Fern- zum Schulschach, das heute aufgrund des demographischen Wandels mit eins der wichtigsten Bereiche im Vereinsschach ist bzw. sein sollte ..

      1. Zudem findet für alle Interessierten dort übrigens zeitgleich am 12. November die deutsche Lehrermeisterschaft statt.

      2. Da wäre noch der blonde Karl-Heinz SchnEllinger. Unvergessen sein Ausgleichstor in der 91. Minute gegen Italien bei der Fußball-WM 1970 in Mexiko. Da wart ihr Jungspunde noch gar nicht auf der Welt. Umso wichtiger ist Schulschach unter Verwendung des Assoziativgesetzes: „Vom Ellinger zum Schnellinger ist es nur ein Schritt.“ (frei nach Napoleon Bonaparte)

    1. Vor 50 Jahren wussten wir schon alles, dank Heinz Maegerlein. In der Mutter aller Quiz-Shows „Hätten Sie’s gewusst?“, war die Kategorie „Was man weiß – was man wissen sollte“, ein echter Prüfstein. Frage an Radio Eriwan: „Ist 2… Sc6! eine Widerlegung des Gambits?“ Antwort: „Im Prinzip ja, aber nur wenn Schwarz mit Weiß spielt.“ – Übrigens waren wir vor 50 Jahren kreativer als die heutige Jugend. Zu besonderen Anlässen wurde in Blitzpartien das Elefantengambit gespielt (1.e4 f5! 2.exf5 Kf7!!).

    2. Torben – stets ein wenig anders und krativ unterwegs 🙂
      Danke für Deine Impression, die vermutlich eher der Zugfolge 2…f5 entsprang.

      ECO-Codes A82 und B00 pflastern den Pfad der Theorie, wenige A40-Verirrer ebenso.
      MegaBase kennt sieben Partien, FS-Base deren zweie, Computerpartien NULL.
      Erst im Blitzen zeigt sich die große Beliebtheit. Es geht um Überraschung und aktives Spiel des Schwarzen, halt was für Praktiker.

      Den Zug 3.d5 gibt es nur in den Blitzpartien. Beeindruckend fand ich dabei die Zugfolge 3…fxe4 4.dxc6 bxc6 mit Figurenopfer. Man lernt nie aus!

  4. Bei meinen Recherchen über Fernschach bin ich auf unser ehemaliges Mitglied Siegfried Kluve gestoßen. Als Student spielte er eine Weile in unserer 1. Mannschaft. Wenn ich mich nicht irre, stammt er aus Ostfriesland. Seit 40 Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Das liegt offenbar daran, dass sich Siegfried überwiegend dem Fernschach gewidmet hat. In dieser Rolle wurde er Fernschach-Großmeister und gewann mit der Deutschen Mannschaft im Jahr 2008 die 13. Fernschacholympiade. Beruflich hat er wohl Karriere beim Deutschen Patentamt gemacht. Jedenfalls hat er dessen Betriebsmannschaft am 1. Brett vertreten. Siegfried habe ich als angenehmen Zeitgenossen in Erinnerung. Ich hoffe, dass es ihm gut geht. – Bei unserer Vereinsmeisterschacht 1976 kannte ich jedoch kein Pardon. Mit einer kleinen Kombination im 19. Zug brachte ich Siegfried in eine haltlose Lage (siehe Diagramm und Partie oben).

  5. Meinen Ausflug ins Fernschach einer vergangenen Epoche möchte ich mit einer Kuriosität fortsetzen (siehe oben). Obwohl mein Gegner eine solide Spielstärke hatte, leistete er sich nach eigenen Worten einen „groben Bock“. Solch einen groben Bock hat jeder schon einmal am eigenen Leibe verspürt; vor allem dann, wenn die Bedenkzeit unbarmherzig ablief. Beim Fernschach hat man jede Menge Zeit. Insofern war das für meinen Gegner ein typischer Blackout.

    Auf meiner Spurensuche über meinen damaligen Gegner bin ich im Internet auf eine Todesanzeige aus dem Jahr 2012 gestoßen. Ernst-Wilhelm Voß (Jahrgang 1926) wohnte offenbar bis zu seinem Tode in Niendorf (oder in der Nähe) an der Ostsee. Möge der Hinweis auf seinen groben Bock und sein handschriftliches Eingeständnis ein Erinnerungsstück für diejenigen sein, die ihn persönlich gekannt haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox gemäß Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ist ein Pflichtfeld.

*

Ich stimme zu.