Schatzmeister fordert Haarwuchsmittel!

Den Aufmacher habe ich mir nicht ausgedacht. Das erkennt ihr an folgendem Untertitel:

(große Fettdruckschlagzeile wie in einer 10-Pfennig-Zeitung), darunter Foto des Schödeldaches = Glatze von oben mit eingezeichneten Jahresringen, die deutlich zeigen, wie in den letzten 3 Jahren die Haare immer schneller schwinden, und dann in normaler Schriftgröße der Text, der mit bewegten Worten schildert, wie der arme Schatzmeister sich ständig die Haare rauft, weil seine Geldlieferanten – die Vereine, Kreise oder Bezirke – ihn nach dem glanzvollen Osterkongreß schmählich mit ihren Beiträgen aufsitzen lassen.

Yeah! Es handelt sich um das Rundschreiben Nr. 3 des Niedersächsischen Schachverbands mit Datum vom 15. August 1963. Das war 6 Jahre vor der ersten Mondlandung und ein Jahr bevor ich zahlendes Mitglied im Deutschen Schachbund wurde. Die 10-Pfennig-Zeitung gibt es noch immer, wenngleich in neuer Währung. Mit der Zahlungsmoral unter Schachspielern ist es wie eh und je bestellt, nur etwas hat sich geändert: der Humor unter Schachfunktionären. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass ein zeitgenössischer Schatzmeister einen solchen Aufruf (leicht gekürzt) verfassen würde?

Wenn mein Rundschreiben-Beitrag so oder ähnlich mit Schlagzeilen und Bildern aufgemacht würde, fände er vielleicht die Leser, die ihn jetzt, bes. in einem umfangreichen Rundschreiben einfach überspringen, weil sie mit Recht darin keine großen Erfolgsmeldungen, sondern nur die üblichen und lästigen Klagen über die gesunkene Zahlungsmoral vermuten.

Spaß beiseite, es ist mir leider wieder tierisch Ernst mit meiner Mahnung! […] Sollte ich die „Einzahlungspflichtigen“ öfter mahnen?, und zwar einzeln? – Das sollte ich vielleicht tun, und die unterlassenen Einzelmahnungen könnte man mir mit Recht zu Last legen! Aber was würden Sie an meiner Stelle tun, wenn Sie in der knappen Freizeit, die Ihnen Ihr Beruf lässt,
1. Ein Haus bauen wollen (was viel Zeit kostet und viel Aufregungen mit sich bringt)
2. Einen großen Garten beim Dienstgrundstück in Ordnung zu halten haben, und
3. Ihrem Hobby zuliebe ein Ehrenamt übernommen haben, das nicht nur einige zeitraubende Arbeit verlangt, sondern auch Ärger macht und Ihnen oft genug nicht gedankt wird, durch Versagung der Mitarbeit.

Ich bin überzeugt, daß Sie fast einhellig antworten werden: Kein Haus bauen, für den Garten, den Sie nicht sich durch Verpachtung sich vom Halse schaffen können, einen ständigen Gartenpfleger einstellen und im übrigen die ganze Freizeit dem Ehrenamt widmen!! Glücklicherweise habe ich auch einige treue „Kunden“, die anderer Ansicht sind, die der Organisation das pünktlich geben, was der Organisation ist. Diese liebenswerten Schachfreunde haben mich bisher am Leben gehalten, aber leider schrumpft auch ihre Zahl fast in dem Tempo meines Haarschmuckes. […]

Vom 19.7. bis 16.8. bin ich zur Kur in Bad Mergentheim, um meinen gallenlosen Bauch aufmöbeln zu lassen. Gelder kann ich von da aus zwar verschicken, aber ich wäre maßlos überrascht und auch sehr erfreut, über kurze Postkartengrüße, auf denen unten vermerkt ist, „Wir haben den Verbandsbeitrag überwiesen!“

Im übrigen bin ich nichtsdestotrotz mit freundlichen Schachgrüßen Ihr Ihnen sehr zugetaner, leider manchmal auch recht geplagter Schatzmeister
W. Gerhard

Mit dem Haarausfall ist es wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett. Nur umgekehrt. Dabei könnten Schachfunktionäre heutzutage mit Pilzköpfen wie einst die Beatles herumlaufen, wenn sie sich von den „Alten Zöpfen“ trennen würden.

Was aus dem Schachfreund W. Gerhard geworden ist, weiß ich nicht. Gleichwohl hat er den richtigen Anstoß gegeben. Radrennfahrer haben das längst erkannt und lassen sich vorsorglich behandeln. Zum Beispiel am 1. Mai 2019 in Frankfurt am Main:

Doping für die Haare!

Stippvisite in Magdeburg

Mein heutiger Ausflug nach Magdeburg kam mehr oder weniger spontan zustande. Der Deutsche Schachgipfel hatte mich neugierig gemacht. Den Ausflug habe ich nicht bereut. Das letzte Mal war ich vor über 20 Jahren in Magdeburg, und seitdem hat sich dort eine Menge getan. Obwohl das Wetter suboptimal war, verspürte ich bereichsweise den Charme von Köln.

Ich will mich kurz fassen. Noch laufen einige Partien der 2. Runde. Das Ambiente in der Festung Mark gefällt mir außerordentlich gut. Vielleicht ist es ein bisschen zu eng, und vielleicht sind die Lichtverhältnisse an einigen Stellen unzureichend, aber man kann nicht alles haben. Besonders erfreut war ich, einen sympathischen Hamelner, nämlich Wilfried Bode anzutreffen. Wilfried ist als Betreuer des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbunds tätig. Wir begegnen uns häufig auf Entdeckertagen, Radrennen und manchmal auch, wenn Schach gespielt wird. Im Anschluss findet ihr einige Schnappschüsse vom Auftakt der 2. Runde um 16:00 Uhr. Auf einem der Fotos ist Christian Polster (HSK Lister Turm) zu sehen. Er vertritt die Farben Niedersachsens.

Ich wünsch‘ mir noch ’n geiles Leben – ohne Schach

Als ich vor 6 Jahren mit meinem Rennrad ungebremst auf die Heckscheibe eines VW-Polo geprallt bin, habe ich danach eine Weile gespürt, was es heißt, tot zu sein. Da ist nichts. Nullkommanichts. Glaubt keiner Religion, die euch etwas anderes verspricht. Der Orbitaboden unter meinem rechten Auge war zertrümmert, aber er hat mir mein Leben gerettet. Anders erging es dem Seniorchef eines großen Möbelhauses: Robert Hesse. Er starb im Dezember letzten Jahres im Alter von 82 Jahren, als er mit seinem Auto auf eine Landmaschine prallte. Sein Tod hat mich betroffen gemacht. Im Jahr 2011 hatte ich die Ehre, Robert Hesse persönlich kennenzulernen. Er hat mir bei der Gelegenheit ein Buch über sein Leben und die Geschichte seines Unternehmens geschenkt. Es heißt: HESSE. Visionen für Menschen. Das Buch ist ausgezeichnet gemacht. Es ist gespickt mit persönlichen Erlebnissen des Seniorchefs und der Realisierung seiner Visionen. „Die Zukunft gestalten“, ist ein Stichwort. Wir können die Zukunft nur gestalten, solange wir leben. Das Leben kann von jetzt auf gleich vorbei sein. Gestern früh war ich mit der Bahn auf dem Weg nach Flensburg. Plötzlich kam die Meldung, dass die Strecke gesperrt sei, weil es in der Nähe von Rendsburg einen schweren Unfall gegeben habe. Ihr habt sicher davon gehört: Eine Regionalbahn war auf einen mit einer Baumaschine beladenen LKW geprallt, der auf einem Bahnübergang stehengeblieben war. Das hätte auch meinem Zug widerfahren können. Was dann?

1964 wurde ich Mitglied der Schachfreunde Badenstedt. Ich war 15 Jahre alt. Damit war ich der Jüngste im Verein, und ein Vorstandsmitglied hatte tatsächlich angesichts meines Alters Bedenken. Wer heutzutage mit 15 Jahren nicht den Großmeistertitel erworben hat, gilt in der Schachszene bereits als Loser. Die ersten Jahre im Schachverein waren prägend für mein Leben. Der Homo ludens unterscheidet sich halt vom Homo mercatorius. Danach gab es unterschiedliche Phasen. Unvergessen sind die Siebzigerjahre (meine Zwanziger). Bezirks- und Landesmeisterschaften waren sportliche Höhepunkte. Mindestens genauso prickelnd waren die Doppelkopfabende mit Schöngeistern wie Helmut Reefschläger. Mein 30. Geburtstag war eine Zäsur. Zu meiner Geburtstagsfeier hatte ich ausschließlich Schachfreunde eingeladen. Ein Schachfreund brachte mir das beste Geschenk aller Zeiten mit: Brigitte. Noch im selben Jahr haben wir geheiratet. Seitdem habe ich einen guten Grund, meine Geburtstage doppelt zu feiern. Vor wenigen Tagen waren es die runden Zahlen 70 und 40.

In der Folge geriet Schach immer mehr in den Hintergrund. Das lag nicht nur an meinem Beruf, meinem Eheleben und der Geburt meiner Tochter, sondern vor allem an der Erfüllung eines Jugendtraums: Radrennfahrer zu werden. Den Traum konnte ich trotz meines späten Einstiegs wahrwerden lassen. Mehrere Titel konnte ich einheimsen. Dafür waren Disziplin und hartes Training erforderlich. Der Radsport hat mir viel Freude bereitet; und zwar in der Regel mehr als Schach in seinen besten Momenten. Wer Körper und Geist in Schuss hält, hat gute Aussichten, das Rentenalter nicht nur zu erreichen, sondern dies ohne größere Einschränkungen zu genießen.

Das Rentenalter habe ich vor 5 Jahren erreicht. Nun plane ich eine weitere Zäsur. Schach steht dabei nicht auf der Agenda. Nicht, weil ich etwa verbittert wäre, keineswegs, ich habe nur einfach keine Lust mehr. Im Grunde geht es mir so wie Vladimir Kramnik allerdings mit dem Unterschied, dass ich bereits seit 55 Jahren Turnierschach spiele, von denen ich nur wenige Jahre ausgelassen habe. Nun könnte ich mich ja – wie es viele andere Schachfreunde in der gleichen Situation tun – für Organisationszwecke zur Verfügung stellen, wären da nicht die Strukturen, die

Konrad-Adenauer-Denkmal in Bonn

aus einer Zeit stammen, als Konrad Adenauer Bundeskanzler war. So alt kann ich gar nicht werden, dass sich daran etwas Entscheidendes ändert. Das liegt an der Mehrheit der Funktionäre, die konservativ und autoritär ausgerichtet ist. Es gibt auch die fortschrittlichen – dazu zähle ich unseren NSV-Präsidenten Michael S. Langer -, doch die sind ziemlich machtlos, weil sie seit jeher ausgebremst werden. Darüber hinaus beobachte ich eine zunehmende Selbstgerechtigkeit unter den Hardlinern, die durch die sozialen Medien befeuert wird. Das stößt mich ab. Eine Haltung, die z.B. der Geschäftsführer des DSB-Wirtschaftsdienstes verkörpert, ist nicht mit meinen Wertvorstellungen vereinbar.

In Kürze steht die Neuwahl des DSB-Präsidenten an. Ich hoffe, dass Uwe Pfenning gewählt wird. Auch ihm wird es nicht gelingen, die Strukturen umzukrempeln, aber die Rückkehr zu mehr Menschlichkeit unter uns Schachspielern traue ich ihm zu. Der amtierende Präsident Ullrich Krause hat mich enttäuscht. Seine Ideen fördern nicht die Schachkultur. Außerdem hat er auf die falschen Leute gesetzt, wodurch das Hauen und Stechen unter den Schachfunktionären zugenommen hat. Angesichts des Gezänks habe ich manchmal den Eindruck, Mitglied einer reaktionären Partei zu sein, die sich alternativ nennt.

Bei den Schachfreunden Hannover war die alternative Welt bislang in Ordnung. Gleichwohl sind auch wir vom Aderlass betroffen, mit dem die meisten Schachvereine zu kämpfen haben. Deshalb ist für die nächste Saison eine Spielgemeinschaft mit dem SK Ricklingen beschlossen worden. Ich halte nichts davon. Besser das ehrenvolles Ende einer Ära als das Abgleiten in die Beliebigkeit der Identität. Nichtsdestotrotz wünsche ich denen, die für die Spielgemeinschaft eintreten, viel Erfolg. Meine Vereinszugehörigkeit wird am 30. Juni 2019 enden. Ich blicke zurück auf 55 „feiste“ Jahre mit Höhen und Tiefen. Ohne die Tiefen hätte ich die Höhen nicht wahrgenommen.

Dem Schachspiel bleibe ich natürlich verbunden. Ich werde weiterhin Just for Fun Schachspielen und womöglich hier oder anderswo meine Sicht der Dinge kundtun. Unserem Blog habe ich 5 Jahre lang den Stempel aufgedrückt. Dabei hat es immer wieder gemenschelt. Das hat nicht jedem gefallen. Der Unterhaltungswert hat indes gestimmt. Deshalb möchte ich meinen Beitrag mit dem mir eigenen Humor beenden:

Als ich an meinem 70. Geburtstag vor dem Kölner Dom stand, entsandte der Himmel eine Botschaft in Gestalt zweier Möpse. Mir war sofort klar, was dieses Zeichen bedeuten sollte. Zu den geistreichsten Erkenntnissen unserer Epoche gehört Loriots Satz:

Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.

Für Schachspieler lautet der Umkehrschluss:

Ein Leben mit Schach ist sinnlos, aber möglich.

Amen.

Zwei Möpse für ein Halleluja!

 

Sahra W. am 13. Mai in H.-Linden

Duplizität der Ereignisse

Siehe meinen Kommentar vom 15.05.2019

 

 

Gerda & Gerhard im Winter 1953/54

Ilja Schneider Deutscher Blitzmeister 2018

Die Überschrift habe ich den Schachfreunden Berlin entnommen. Der „Hannoveraner“ IM Ilja Schneider heißt es auf der Webseite des Niedersächsischen Schachverbands. Ja. Wir Hannoveraner freuen uns mit ihm und wollen IM Dennes Abel nicht vergessen. Er belegte den 6. Platz und stammt ebenfalls aus Hannover. Von Ilja zeige ich euch ein Archiv-Foto. Es stammt vom Leine-Open 2017. Ilja nicht als Akteur, sondern als Kiebitz. Hochkonzentriert ist er trotzdem:


Wer sich die Kommentare im Schach-Ticker durchliest, wird auch kritische Töne vernehmen, was Iljas Leistung keinesfalls schmälert. Allerdings sollte sich der DSB fragen, ob die Attraktivität solcher Meisterschaften inkl. Öffentlichkeitsarbeit nicht verbesserungsfähig ist. Wie stark Wunschdenken und Wirklichkeit auseinanderklaffen, zeigt die vermeintliche Zahl der Besucher. Der SC Bamberg spricht als Veranstalter von rund 50 anwesenden Zuschauern. Ein Teilnehmer (lukki) schreibt indes im Schach-Ticker:

„Das Zuschauerinteresse war leider fast geich null und kann nur schön geredet werden. Ich habe, weil ich es so erschreckend empfand, in ca Runde 25 gerade mal 6 Zuschauer gezählt. Leider.“

Achterbahnfahrt in der Verbandsliga

Erst 1:7, dann 5,5:2,5 und gestern 1,5:6,5 lauten unsere Ergebnisse in den ersten drei Runden der Verbandsliga Süd. Nachdem wir die 3. Mannschaft des SK Lehrte vor zwei Wochen souverän besiegen konnten, waren wir dessen 2. Mannschaft am Totensonntag nicht gewachsen. Ohnehin ersatzgeschwächt mussten wir ein Brett freilassen, weil ein Schachfreund im letzten Moment abgesagt hatte. Wir holten drei Remis, der Rest ging verloren. Auch meine Partie. Es war meine erste Niederlage in der Verbandsliga; die vergangene Saison mitgerechnet. Mein junger Gegner hat verdient gewonnen, wenngleich ich in ausgeglichener Stellung ein bisschen mithalf. Die entscheidenden Momente meiner Partie zeige ich euch im Anschluss. Ich hätte etwas eher aufgeben können, aber urplötzlich war der weiße König in Bedrängnis.

Wie geht es weiter? Klar! Mit Schwung nach oben. Unser nächster Gegner sind die Schachdrachen aus Isernhagen. Schnallt euch an!

Alter schlägt Jugend mit 5,5:2,5

In der Verbandsliga Süd liegt der Altersschnitt unserer 2. Mannschaft bei 59 Jahren. Das ist der Spitzenwert. Am anderen Ende der Skala liegt die 3. Mannschaft des SK Lehrte mit 25 Jahren im Schnitt. Beide Teams mussten heute gegeneinander antreten. Das Ergebnis ist eindeutig, wenngleich es etwas zu hoch ausfiel. Das lag an einigen überflüssigen Patzern auf Lehrter Seite. Symptomatisch ist meine Partie, dessen Ende ich euch gleich zeige. Mein junger Gegner hat bis zum 28. Zug stark gespielt und sich keinen Fehler geleistet. Die Eröffnung kannte er offenbar aus dem Effeff. Nach 20 Zügen hatte er durch das Inkrement noch keine Zeit verbraucht; ich hingegen hatte bereits eine Stunde meiner Bedenkzeit investiert.

Vorher möchte ich noch auf meine Partie aus der 1. Runde gegen Harald Kiesel eingehen. Unsere Eröffnung, die Seltenheitswert hat, wurde gestern in der 1. Bundesliga kopiert; und zwar von IM Ilja Schneider (SF Berlin) und GM Gennadi Ginsburg (SV Hofheim). Bis zum 9. Zug war der Partieverlauf identisch. Dann wich Schwarz mit 9… De7 ab. Harald Kiesel hatte 9… b6 gespielt. Nachdem Iljas kleiner Vorteil versandet war, endete die Partie ebenfalls mit einem Remis. Ich kann mir vorstellen, dass sich Ilja die Anregung für 4. a3!? in unserem Blog geholt hat. Schließlich gehört Ilja seit Beginn zu den Fans unseres Blogs. Und ich zu den Fans seines ehemaligen Blogs in der ZEIT. Das ist leider Geschichte.

Was darf Blog?

Aus gegebenem Anlass möchte ich diese Frage zur Diskussion stellen. Wir leben in einer Zeit der Social Media. Jeder kann zu allem seinen Senf abgeben. Vieles ist trivial; vieles ist verletzend. Deshalb halte ich nichts von Facebook, Twitter und dergleichen. Das Internet ist indes eine Chance, sich über Dies und Das nachhaltig Gedanken zu machen. Die meisten Schachvereine haben das erkannt und präsentieren sich entsprechend ihren Möglichkeiten. Die Schachfreunde Hannover haben einen speziellen Weg gewählt. Der beruht zum einen auf unseren Webmaster, der Beiträge und Kommentare zusammengelegt hat und andererseits auf meiner Person. Ich versuche, unsere Webseite so gut es geht mit Leben zu füllen, wohlwissend, dass ich damit nicht jeden Geschmack treffe.

Der Erfolg gibt es uns recht. In 5 Jahren wurden an dieser Stelle von mehreren Mitgliedern 410 Beiträge geschrieben, die über 2.200 Mal kommentiert wurden, und zwar von Schachfreunden, die in allen Ecken Deutschlands beheimatet sind. Täglich werden wir von mehr als 2.000 Schachfreunden angeklickt. Es gehört zu meiner Philosophie, möglichst offen über alles zu sprechen, was uns Schachspieler bewegt. Dabei würze ich meine Beiträge und Kommentare gern mit Satire. Die meisten verstehen und mögen meinen Stil, andere nicht. Die Alternative sind leere Seiten oder Langeweile.

Wer sich in unserer Medienlandschaft umsieht, wird feststellen, dass die Kommentare häufig unter die Gürtellinie gehen. Der damit verbundene Hass ist erschreckend. Gleichwohl benötigen wir in bestimmten Situationen ein Ventil. Das hat auch Herbert Bastian benötigt, kurz nachdem er als DSB-Präsident abgewählt worden war. Ich zitiere aus seinem Kommentar vom 29.05.2017 auf ChessBase:

Der neue Präsident ist ein idealer Repräsentant der inhaltlichen Ideenlosigkeit. Bösartige persönliche Angriffe gegen meine Person, die Idee des Schulschachs von der bisher eifersüchtig über ihre alleinige Zuständigkeit wachenden DSJ übernommen […] Eine Ehrung meiner Tätigkeit fand nicht statt, und warme Worte am Grab des soeben ermordeten sind Heuchelei.

Aus meiner Sicht ist sein Kommentar grenzwertig. Ich halte nichts von herabwürdigen Worten, was aber nicht dazu führt, dass ich mich jeglicher Kritik enthalte. Im Gegenteil, ohne den Austausch unterschiedlicher Standpunkte funktioniert unser Gemeinwesen nicht. Probleme werden nicht durch Schweigen behoben. Und deshalb verstehe ich nicht, warum über ein Thema, das uns alle berührt, – nämlich das Verhalten am Schachbrett – unter Freunden nicht anhand eines aktuellen Falles diskutiert werden darf.

Igor Belov (Hamelner SV) wollte und wollte seine Partie gegen Jörg Witthaus (SF Hannover) nicht aufgeben. Da ich die Szenerie beobachtet habe und diese bemerkenswert fand, habe ich darüber geschrieben und damit für manche (z.B. unseren Mannschaftsführer) ein Tabu gebrochen. In der Oberliga-Saison 2013/14 habe ich gegen Yannick Koch gespielt, als wir gegen Hameln antreten mussten. Im Mittelspiel geriet Yannick in eine Verluststellung. Er gab die Partie auf, obwohl noch viel passieren konnte. Diese Partieaufgabe habe ich damals wie heute als Charakterstärke von Yannick angesehen. Ist die positive Darstellung seines Verhaltens auch ein Tabubruch?

Wer sich nur für die nackten Ergebnisse interessiert, kann diese auf den Webseiten der Verbände nachlesen und ggfs. die Partien nachspielen. Wer mehr über das Zustandekommen wissen möchte, guckt auf die Webseiten der beteiligten Vereine. Je authentischer deren Berichte sind, desto besser.

Zum Abschluss möchte ich euch einen Kommentar vom 23. Oktober aus dem Hamelner Blog zeigen. Ist der erlaubt oder diskriminierend?

Tostedt? Alles gekaufte Söldner, die gegen Hannover verloren haben. Und vorn haben die Söldner nix Zählbares bewirkt – und hinten? Spielt da der Sponsor? Oder sind das normale Elo-Leichen? Ach, das packt ihr. MfG, Lothar

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Ergänzung am 1. November 2018 (siehe Kommentar):

Stadtsportbund Hannover

Es gibt Menschen, die haben ein Faible für Versammlungen. Ich gehöre nicht dazu, wenngleich ich zwischen zweckdienlichen Versammlungen und denen unterscheide, die vertane Lebenszeit generieren. Am Montag habe ich als Delegierter unseres Schachvereins eine Versammlung besucht, die sich als sinnvoll herausstellte. Es handelte sich um den 43. Ordentlichen Stadtsporttag Hannovers. SSB heißt der ausrichtende Verein, den ich bislang nicht richtig auf dem Schirm hatte. 373 hannoversche Sportvereine sind mit rund 114.000 Mitgliedern darin organisiert. Darunter sind 10 Schachvereine, womit deutlich wird, dass nicht jeder Schachverein automatisch dem SSB angehört.

An der Versammlung haben Delegierte aus 53 Vereinen und einigen Fachverbänden sowie geladene Gäste aus der Politik teilgenommen. Ob die Quote gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Unterm Strich waren es rund 120 Personen, die der perfekt organisierten Versammlung beiwohnten. 267 Stimmen, die von einer eigens gewählten „Mandatsprüfungskommission“ (Deutsche Gründlichkeit!) verifiziert wurden, galt es, zum Wohle der Allgemeinheit einzubringen. Die Zahl der Stimmen orientierte sich an der Vereinsgröße. Ich hatte eine Stimme. Die habe ich staatstragend eingesetzt.

Der Vorstand ist etwas in die Jahre gekommen, was dessen Engagement keinen Abbruch tut. Rita Girschikofsky heißt die resolute Präsidentin, die sich für zwei weitere Jahre wählen ließ. Dann geht sie in den Ruhestand, wie es der sympathische Vizepräsident namens Kohlstedt (mit e statt ä!) diesmal tat. Bei seiner Verabschiedung wurde er lyrisch, indem er Hermann Hesse zitierte: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

Die Neubesetzung von Wolf Dietmars Posten sorgte für den einzigen Stress am Abend, weil sich zwei Kandidaten darum bewarben. Ansonsten wurde nahezu alles einstimmig verabschiedet. Diskussionen über Inhalte gab es nicht. Nach drei Stunden war die Veranstaltung gelaufen. 50 Minuten gingen allein für die Grußworte drauf. Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok machte den Anfang. Dass er mich zuvor erkannt und gegrüßt hatte (siehe Jamiel-Kiez), hat mich gefreut.

Mein Fazit lautet: Die wichtige Arbeit des SSB wird an anderer Stelle gemacht (Sportstättenbau und –Unterhaltung, Betreuung von Ganztagsschulen und Geflüchteten usw.). Wir Schachvereine sind dabei ein Mosaikstein. Auch wenn der Eigennutz nicht ersichtlich ist, sollten wir Schachspieler mit unserer Präsenz einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten.

Übrigens gab es unter den Delegierten am Ende Unmut über die Nichtanwesenheit der Hannoverschen Presse. Ihr wisst schon warum. Über den Profifußball (explizit Hannover 96) werde in den Tageszeitungen bis zum Erbrechen schwadroniert, aber der Breitensport komme in der Berichterstattung zu kurz. Immerhin gab es heute in der HAZ einen kleinen Artikel über die Versammlung. Hoffentlich haben die 114.000 hannoverschen Mitglieder im SSB diesen wahrgenommen.

1:7 zum Auftakt in der Verbandsliga

Unsere Hoffnungen, die 1. Runde in der Verbandsliga Süd gegen den SV Laatzen unbeschadet zu überstehen, waren von vornherein gering. Unser komplettes Mittelfeld (Bretter 3 bis 6) war verhindert. So mussten die hinteren Bretter aufrücken, was dem Kräfteverhältnis nicht gut tat. Die routinierten Laatzener gewannen alle Partien vom 3. bis zum 8. Brett. An zwei Brettern war womöglich ein Remis drin. Aber es sollte nicht sein. Jürgen Reschke gegen Abdullah Celik (4) und Ulrich Wolf gegen Horst Ehlert (6) kämpften bravourös, mussten sich aber nach rund 6 Stunden geschlagen geben.

Anders sah es an den beiden ersten Brettern aus. Arthur Kölle erreichte gegen Patrick Lick mit Schwarz eine ausgeglichene Stellung, die einen Friedensschluss nahelegte. Ein bisschen mehr versprach meine Stellung, aber als mir mein Gegner, Harald Kiesel, das Remis anbot, nahm ich das nach kurzem Zögern an. Ein hoher Verlust unserer Mannschaft zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt bereits ab. Wie gewohnt zeige ich meine Partie im Anschluss. Die Eröffnung ist etwas für Liebhaber seltener Abspiele.

Streich, Gerhard (SFH II) – Kiesel, Harald (SV Laatzen)
Verbandsliga Süd (1) Brett 2
21.10.2018
Stellung nach dem 21. Zug von Schwarz

Remis

Mein Rechner attestiert mir an dieser Stelle einen Vorteil von ca. +1,00. Diesen in einen Sieg umzumünzen, hätte ich unter anderen Umständen gern probiert. Ein positioneller Vorteil bei ausgeglichenem Material ist jedoch kein Garant für einen Sieg. Schließlich hatte ich es mit einem starken Gegner zu tun. Den Verlauf der Partie könnt ihr euch hier angucken:

Mein Unterpfand zur Einheitsfeier

Kabarettisten werden häufig gefragt, ob sie glauben, mit ihrem Programm die Welt zu verändern. Die Antwort ist einhellig: „Nein, aber sie lässt sich so besser ertragen.“ So ähnlich geht es mir. Warum tue ich mir das an?

Weil ich etwas verändern will, sich etwas tun muss. An der Basis herrscht eine große Unzufriedenheit. Die Landesverbände wurden die vergangenen Jahre nicht mehr mitgenommen. Da kochte jeder sein eigenes Süppchen.

Ihr habt es sofort gemerkt. Das sind nicht meine Worte, sondern die unseres neuen DSB-Präsidenten Ullrich Krause (Quelle: Lübecker Nachrichten vom 15.06.2017). Seitdem sind rund 500 Tage vergangen. Wie schmeckt die Suppe heute?

Die Webseite der Norddeutschen Landesverbände wurde abgeschaltet, einer ehemaligen Lichtgestalt wird kriminelle Energie unterstellt, der 1. Vorsitzende eines Landesverbandes wird von einem Vorstandskollegen öffentlich als schlechtester Präsident aller Zeiten bezeichnet, in Sachsen-Anhalt treten lediglich drei Mannschaften zur Landesblitzmeisterschaft an, die Seniorenmannschafts-meisterschaften der Landesverbände verzeichnen eine Minusbeteiligung usw.

Ungenießbar!? Nein. Wir Schachspieler sind Kummer gewohnt. Jede Niederlage ist ein Schlag in die Magengrube. Gelassenheit statt Wutbürgertum ist das Rezept. Auf diese Weise wird aus einem Kampfhund ein Schoßhündchen:

Heute ist Mittwoch. Deshalb verzichte ich auf eine Sonntagsrede. Rückblickend betrachtet strahlt die Sonne von ganz allein:

2014 Einheitsfeier in Hannover vorher
2014 Einheitsfeier in Hannover nachher
2016 Einheitsfeier in Dresden

Wir haben die vergangenen vier Jahre überlebt. Und wir werden die nächsten Jahre überleben. Mein Unterpfand ist die Fantasie. Donald Trump hat sich in Kim Jong Un verliebt. Wer hätte das vor einem Jahr für möglich gehalten? – Die Einheitsfeier findet heuer in Berlin statt. Vergesst vorübergehend den grauen Alltag. Dieses Kinderkarussell auf dem Alexanderplatz möge eure Fantasie anregen: