Schach und Briefmarken

„Darf ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen?“, war früher für halbstarke Männer ein erfolgversprechender Weg, wenn es darum ging, ein junges Mädchen in den Bann bzw. in die eigenen vier Wände zu ziehen. Die Zeiten sind vorbei. Briefmarkensammeln ist ein verstaubtes Hobby geworden. Die Briefmarke stirbt langsam aus; mit ihr die überalterte, sammelnde Männergesellschaft. Lange Zeit galt die Briefmarke als Aktie des kleinen Mannes. Die Aussicht auf einen stetig steigenden Gewinn führte dazu, dass im Laufe der Jahrzehnte unzählige Briefmarken gehortet wurden, die heute keiner mehr haben will. Der Michel-Katalog ist in Deutschland der wertlose Wertmaßstab der Briefmarken. Die darin enthaltenen Summen sind Mondpreise, von denen – wenn überhaupt – 5% bis 10% realistisch zu erzielen sind. Im Kölner Stadtanzeiger gab es vor einem Jahr ein Interview mit zwei organisierten Briefmarkensammlern, das in der sarkastischen Aussage mündete: „Alles ab 1960 ist in so großen Stückzahlen erschienen, das ist in aller Regel wertlos. Die Marken können Sie größtenteils anzünden, die flattern wie Schmetterlinge durch die Luft.“ 

Diese Sorgen will ich mir nicht zu eigen machen. An anderer Stelle habe ich bereits berichtet, dass ich im Besitz nahezu aller Briefmarken der BRD und DDR bis 1990 bin, und zwar postfrisch und gestempelt, manche doppelt und dreifach. Die wenigsten davon habe ich selbst gesammelt; es handelt sich vielmehr um ein Vermächtnis, das ich sowieso nicht veräußern würde. Manchmal habe ich die Muße, mir diese Sammlung Jahrgang für Jahrgang anzusehen. Ich finde das faszinierend. Briefmarken sind kleine Kunstwerke, die unsere Zeitgeschichte dokumentieren. Die Frage, ob die einzelne Marke aus welchen Gründen auch immer wertvoll ist oder nicht, halte ich dabei für nebensächlich. Wer Kultur und Kunst nur mit dem schnöden Mammon gleichsetzt, ist fehl am Platze. 

Als Schachspieler freut man sich natürlich, wenn für unsere Kunst auf Briefmarken geworben wird. Weltweit sind Schachmotive auf Briefmarken durchaus beliebt; in Deutschland sind sie dagegen Raritäten. In der DDR gab es 1968 eine Briefmarke zu Ehren von Emanuel Lasker, drei Briefmarken zur Schacholympiade 1960 in Leipzig und eine zur Studenten-Mannschaftsweltmeisterschaft 1969.
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In der BRD wurde Schach im vergangenen Jahrhundert meines Wissens nur einmal mit diesen vier Wohlfahrtsmarken im Jahr 1972 thematisiert:
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Im Jahr 2002 gab es eine Wohlfahrtsmarke für die Jugend im fragwürdigen Kontext mit Teddybären und Puppen sowie im Jahr 2008 eine für Schacholympiaden (ohne Abbildungen). 

Schachmotive hin oder her. Wenn wir mausetot sind, nützen die schönsten Briefmarken nichts. Deshalb möchte ich euch diese aus dem Jahr 1984 ans Herz legen:
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Zehn Jahre später hat Udo Harms im Sonnenkönig Nr. 6 zum Thema „Rauchen“ einen bemerkenswerten Artikel verfasst. Der begann so:

Zigaretten aus – sonst raucht’s! Rund 5000 Menschen sind im vergangenen Jahr in Niedersachsen an Lungenkrebs gestorben. Das sollte zu denken geben. Tut es aber nicht. […]

Rauchen in Spiellokalen ist mittlerweile verboten. Aber es soll noch immer Unverbesserliche (Süchtige!?) geben, die in den Pausen nach draußen laufen, um sich eine Fluppe anzuzünden. Denen möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Morgen wird meine Frau an der Beisetzung einer Bekannten teilnehmen, die etwa mein derzeitiges Alter erreicht hat. Diese Frau war mittelstarke Raucherin. Vor rund drei Jahren lautete die Diagnose: Speiseröhrenkrebs. Wenig später wurde ihr der Kehlkopf entfernt, fortan konnte sie nicht mehr natürlich sprechen und sich nur noch künstlich ernähren. Der geschwächte Körper streikte an mehreren Stellen. Auf Details werde ich verzichten. Sie fand ein schreckliches Ende.

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Ergänzung am 03. August 2014:

Die Briefmarke, die 1984 vor dem Rauchen warnte, hat mich dazu veranlasst, genauer hinzugucken, was sich vor 30 Jahren tat. Gerade in diesen Tagen feiern wir den 30. Geburtstag zweier Erfindungen, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind: die Email und Helene Fischer. 

Zwei bundesdeutsche Briefmarken aus dem Jahr 1984 möchte ich euch zeigen:
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Der PC auf der Marke, die für den X. Archivkongress wirbt, ist ein echter Hingucker. Seitdem hat sich die Technik ein wenig weiterentwickelt. Nahezu unverändert ist es indessen um die Gleichberechtigung bestellt. Wenn’s ernst wird, müssen noch immer wir Männer den Müll rausbringen.

Den Satz des Jahres bezüglich der Schachfreunde Hannover lieferte unser damaliger 1. Vorsitzender Dr. Hans Wiehler in einem Rundschreiben vom 30.04.1984:

„Immer noch gelüstet es Nachbarvereinen, uns überschlucken zu wollen: diesmal hat die Schachvereinigung ihre Angeln nach uns ausgeworfen.“

Die Nachbarvereine waren der HSK, Anderten und der TKH. 17 Jahre später war die Angelei erfolgreich. Ob nun im Jahr 2001 die Schachfreunde oder die Schachvereinigung die Angeln ausgeworfen hatten, oder sich die Angelruten versehentlich verschlungen haben, verliert sich im Dunkeln. Nennen wir die Schachvereinigung mal unsere „bessere Hälfte“. An der Gleichberechtigung arbeiten wir noch…

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Ergänzung am 05. August 2014:

Engel, Fee, Stern, Männertraum und dazu meist gegoogelte Frau Deutschlands. Mehr geht nicht. Das müssen auch Hannovers Schachfreunde neidlos anerkennen. Zu ihrem 30. Geburtstag gehen unsere atemlosen Glückwünsche an:
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2 Gedanken zu „Schach und Briefmarken“

  1. „Rebus, Rebus“, sprach die Tante, die alle Rätselarten kannte. Zum heutigen Ehrentag der Perle aus Krasnojarsk habe ich meinen Beitrag thematisch ergänzt.

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