Zuversicht für die 2020er Jahre

Was unsere Kanzlerin kann, kann ich auch: Zuversicht ausdrücken. Wobei ich es nicht bei Lippenbekenntnissen belasse. Ich fordere das Glück heraus; z.B. heute Morgen auf dem Lindener Markt. Bei meiner freundlichen Wurstfachverkäuferin habe ich 10,10 € bezahlt. „Welch ein Zufall!“, dachte ich, „das ist genau die Hälfte von 2020.“ Mein zweiter Einkauf führte mich zu Henri 2. Eine Baguettestange und zwei Krapfen kosteten? 5,05 €!! Auf den Cent genau die Hälfte der Hälfte. Tusch! Die freundliche Bäckereifachverkäuferin gab mir daraufhin den Bon, wozu sie erst im neuen Jahr verpflichtet gewesen wäre. Die Bon-Pflicht ist so dämlich wie die Spielervereinbarung unter Schachspielern.

Die Jugend ist unsere Hoffnung. Sie hat erkannt, dass sich Mauern in den Köpfen der Alten befinden. Damit können wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern. Die Jugendlichen werden aktiv. Die Einen gehen auf die Straße, die Anderen gründen einen selbstständigen Verband. Unbesetzte Bretter hinter dicken Mauern dürfen nicht die Zukunft sein. Malte & Greta an die Macht!

Kennt ihr Schaumschweig? Ja, ihr habt richtig gelesen. Das kommt davon, wenn man Schaumburg mit Braunschweig vereinigt. So geschehen bei den Rugby-Damen in der Deutschen 7er-Liga Nord-West. Nicht auszudenken, wenn sich die Schachfreunde Hannover tatsächlich mit dem SK Ricklingen vereinigen. Wenn es nicht dazu kommt, spendiere ich eine Kiste Schaumwein. Heute Abend teste ich die erste Flasche…

Ich wünsche euch ein zuversichtliches neues Jahr!

8. Januar 2020 – Neujahrsempfang im Rathaus Hannover mit OB Belit Onay
Das grüne Hannover
29. Januar 2010 – Schneemann vor dem Weinhaus Schachner in Westerland/Sylt

 

 

14 Gedanken zu „Zuversicht für die 2020er Jahre“

  1. Bevor mich jemand falsch versteht, möchte ich betonen, dass die Kiste Schaumwein kein Affront gegen den SK Ricklingen bedeutet. Der ist mir so lieb wie die meisten anderen Schachvereine. Es geht mir um den Erhalt der Identität des Vereins, dem ich 55 Jahre lang die Treue gehalten habe, und der in seiner ursprünglichen Form in diesem Jahr 70 Jahre alt wird. Wenn niemand bereit ist, die Tradition fortzuführen, sind Vorwürfe unangebracht. Jedenfalls gibt es die nicht von mir. Ein ehrenvolles Ende würde ich stattdessen begrüßen. Nach dem Tod von Janis Joplin vertranken 200 Freunde auf einer Party wunschgemäß das hinterlassene Bargeld von 1500 Dollar. Alternativ käme für uns ein Mega-Blitzturnier infrage.

    Nachdem die Spielgemeinschaft etwa ein halbes Jahr besteht, kann ich keine nennenswerten Synergieeffekte erkennen. Die Vereinsturniere, die erfreulicherweise beim SK Ricklingen stattfinden, sind auch nicht der große Renner. Nur wenige Schachfreunde aus unserem Verein nehmen daran teil. Klassische Vereinsabende sind ein Auslaufmodell. Dass die andernorts funktionieren, z.B. beim HSK Lister Turm, ist erfreulich, aber nicht beliebig kopierbar. Für die meisten Schachfreunde, vor allem die mittleren Alters, geht es darum, dem DSB anzugehören, wodurch sie international spielberechtigt sind und an Mannschaftskämpfen teilnehmen dürfen. Der Verein ist Mittel zum Zweck. Insofern präferiere ich, dass jeder/jede sich dort anmelden möge, wo er/sie seinen/ihren Vorteil sieht und bestenfalls geborgen fühlt; sei es beim SK Ricklingen, bei den Schachfreunden Hannover oder sonst wo.

  2. Hier waren wir nur, einander zu begegnen.
    Wir sind auf Erden nur Wanderer.
    Lasst uns in Frieden und Freude leben.
    Kommt, lasst uns froh sein.
    Aber die, die ihr im Zorn lebt, kommt nicht.

    Dieser Vers stammt von den Azteken. Ich habe ihn dem offiziellen Standardwerk des Nationalen Olympischen Komitees entnommen. Es wurde nach der Olympiade 1968 in Mexiko herausgegeben. Damals ging der Stern eines deutschen Ausnahmesportlers auf. „Er deklassierte die Amerikaner wie kein anderer Sieger“, heißt es dem Buch. Vier Jahre später während der Olympiade in München sagte Peter Daland, Chefcoach des US-Teams, über ihn: „Wir sind auf dem Mond gelandet, wir werden den Mars erreichen, und irgendwann werden wir Amerikaner auch … besiegen.“

    Er blieb 7 Jahre unbesiegt, holte bei Olympiaden 4 Gold-, 2 Silber- und 2 Bronzemedaillen, wurde 2 Mal Weltmeister, stellte 19 Weltrekorde auf, erhielt den Vaterländischen Verdienstorden in Gold und Silber, wurde 7 Mal Sportler des Jahres und in die Hall of Fame des Deutschen Sports aufgenommen. Er war der erfolgreichste deutsche Schwimmer aller Zeiten. Wegen seiner eleganten Technik nannte ihn eine britische Journalistin den „Rolls Royce of Swimming“. Am 20. Dezember 2019 ist er im Alter von 69 Jahren gestorben: der Rückenschwimmer Roland Matthes.

    Wer hat ihn noch gekannt? Wer sich dem Medienrummel entzieht, gerät in Vergessenheit. Der Ruhm verblasst. Ein Indikator dafür ist die Abrufstatistik auf Wikipedia. Bis zum 20. Dezember 2019 haben sich täglich weniger als 50 Besucher für Roland Matthes interessiert. Nach der Meldung über seinen Tod schnellte die Zahl am 21. Dezember auf 33.270 und am Folgetag auf 41.550. Nun sinkt sie langsam wieder auf ihr Normalmaß. In unseren Medien war sein Tod eine Randnotiz. Selbst der Deutsche Schwimmverband beließ es bei einem dürren Kommentar.

    Was lehrt uns das? Du kannst noch so erfolgreich sein, die Weisheit der Azteken gilt für alle. Auch für Schachspieler.

  3. Zuversicht made in Wolfenbüttel

    Die ehemals vielgelesene Tageszeitung „Neues Deutschland“ hat im November 1987 einen bizarren Rekord aufgestellt: In einer einzigen Print-Ausgabe war Erich Honecker 43 Mal abgebildet! Niedersachsens Schachpräsident ist davon noch ein Stück weit entfernt, wenngleich ich ihm angesichts seiner Omnipräsenz zutraue, dass er diesen Rekord irgendwann knackt.

    In der November-Ausgabe von SinN ist Michael 11 Mal abgebildet, auf der aktuellen NSV-Seite 6 Mal: 1 Mal in Spelle, 4 Mal in Verden und 1 Mal in Lehrte; darüber hinaus in bewegten Bildern im Video des SC Braunschweig Gliesmarode.

    Das hat es seit den Azteken nicht mehr gegeben, dass ein Schachfunktionär, der dermaßen viele Ämter bekleidet, auch als aktiver Schachspieler kaum etwas auslässt. Dabei nimmt Michael billigend in Kauf, dass seine DWZ schrumpft. Ihr kennt den uralten Witz: Was sind die drei größten Katastrophen im Leben eines Schachspielers? 1. Job weg. 2. Frau weg. 3. DWZ geschrumpft. Meines Wissens ist bei Michael alles ausreichend vorhanden. Und das ist gut so, denn Michael strahlt Zuversicht aus. Immer, wenn ich ihn sehe, oder er mich anruft, weiß ich, es ist nicht alles schlecht.

    Diese optimistischen Töne musste ich loswerden, weil ein anderer Präsident, der sich selbst für den großartigsten und weisesten hält, einen Bullshit nach dem anderen fabriziert. Auf dessen Anblick würde ich gern verzichten.

  4. Zuversicht made in Hannover

    Gestern Abend war ich beim Neujahrsempfang in Hannovers altem Neuen Rathaus. Hannovers neuer Bürgermeister, Belit Onay, hielt eine kluge Rede (guckt ihr oben). Hier ein kleiner Auszug:

    Für manche wurde der Neujahrstag 1920 zum härtesten Datum. Der schwärzeste aller schwarzen Tage. Eine Variante des Weltuntergangs. Hannover machte das herrliche, selbständige Linden, die wunderbarste Gemeinde westlich des Kaukasus zu einem seiner Stadtteile.

    Sorry, das ist eine Verwechselung. Das Zitat stammt aus dem wunderbaren Buch „Linden 900 Jahre – Eine wahnsinnige Geschichte“ von Hans-Jörg Hennecke. Vor 100 Jahren hat Linden seine Selbstständigkeit aufgegeben. Das dräut nun auch dem wunderbarsten Schachverein nördlich des Weißwurstäquators. Unter Schachspielern nennt man das Armageddon. So weit ist es noch nicht. Lindener gelten für Hannoveraner als derb zupackend, was Belit Onay zu schätzen weiß, denn ohne Lindener wäre er nicht gewählt worden (>80 %), und Hannover wäre so profillos, wie sich Wibke Bruhns zur Expo 2000 zu sagen traute. Von der Schachszene ganz zu schweigen…

  5. Shame on you

    „Es stört mich, dass wir uns mit Vereinen wie dem SV Sandhausen vergleichen müssen“, sagte 96-Boss Martin Kind bei seiner Neujahrsansprache. Die Reaktion im Netz ließ angesichts dieser Arroganz nicht lange auf sich warten: „Wir schämen uns in Grund und Boden.“

    Zum Fremdschämen war gestern auch das 45-Sekunden-Quiz auf NDR 2. Dabei sollte eine Kandidatin am Telefon in der kurzen Zeit möglichst viele Fragen richtig beantworten. Besonders heikel waren zwei Fragen:

    Wie heißt die Frau von Prinz Harry?
    Antwort: Weiter!
    Wer war vor Angela Merkel Bundeskanzler?
    Antwort: Weiter!

    Dabei wurden sowohl das Kurzzeit- als auch das Langzeitgedächtnis auf eine harte Probe gestellt. Also irgendwie zwischen the Exit of Duchess of Sussex und Otto von Bismarck. Ist die Wissenslücke der jungen Frau ein Grund zum Fremdschämen? Antwort: Jein!

    Wer folgende Fragen auf Anhieb richtig beantworten kann, ist aus dem Schneider:

    Wer war vor Michael S. Langer Präsident des Niedersächsischen Schachverbands?
    Wann geschah der Wechsel?

    Kleine Hilfestellung: Michaels Vorgänger kommt aus der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwanze bellen, und die Präsidentschaft wechselte in dem Jahr, als Nicolas Sarkozy Staatspräsident in Frankreich wurde. Das ist der mit der Carla Bruni.

  6. Die Qual der Zahl

    Heute geht’s los: „In der Rattenfängerstadt wird Bundesligist Solingen keiner das Wasser reichen können“, meldet der DSB zum Auftakt der Vorrunden im Mannschaftspokalwettbewerb. Mit anderen Worten:

    Die Klingenstädter werden alle über die Klinge springen lassen. Ratte sich wer kann!

    Warum erzähle ich das? Weil ich unbedingt den 2450. Kommentar in diesem Blog schreiben wollte. Leute meines Alters sind in Zahlen verliebt. Das seht ihr nicht nur an der Bon-Geschichte zu Beginn meines Beitrags, sondern an unserem Innenminister Horst Seehofer, der bekanntlich 9 Wochen jünger ist als ich. Ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag seien 69 Flüchtlinge abgeschoben worden, erklärte er stolz wie Bolle. Womit ich die Brücke zu meinem letzten Kommentar geschlagen habe. Stichwort: Fremdschämen.

  7. Hannover schrumpft

    Im Vergleich zu Ende 2018 sei Hannover um knapp 1800 Menschen geschrumpft, meldet die Neue Presse. Ist das eine gute oder schlechte Nachricht? Wenn die DWZ schrumpft, wissen Schachspieler, ist das immer eine gute und eine schlechte Nachricht. Für den Gegner ist sie gut, für den Betroffenen eine Katastrophe. – Eine gute Nachricht gibt es für die restlichen Hannoveraner. Seit wir einen grünen Oberbürgermeister haben, sind die Bäume wieder grün. Das glaubt ihr nicht? Als Beweis habe ich oben ein Foto angefügt, das sich annähernd mit dem der Neuen Presse deckt. Auf dem Pressefoto sind die Bäume so trostlos wie derzeit die Wälder in Australien.

    Für diejenigen, die sich in Hannover nicht so gut auskennen, sei gesagt, dass ihr am linken Bildrand das berühmt-berüchtigte Ihme-Zentrum seht und nebenan die Drei Warmen Brüder, die alles Sonstige in Hannover überragen. Womit bewiesen ist, dass Linden in Hannover eine herausragende Rolle spielt. Wer wissen will, wo die Neue Presse und die Hannoversche Allgemeine Zeitung hergestellt werden, muss auf die rechte Seite gucken. Das ist nicht zweideutig gemeint…

    Auch das noch: Die Meldungen aus der Rattenfängerstadt sind spärlich, gleichwohl wissen wir, dass die Hamelner gestern nur 1,5:2,5 gegen die Klingenstädter verloren haben. Respekt!

  8. Schöner urinieren

    Toilettengänge sind ein Muss bei jeder Schachveranstaltung. Das Thema ist tabu. Normalerweise. Ausgenommen, die Größe der Anlage ist nicht bedürfnisorientiert – wie im vergangenen Jahr bei einer Landesmeisterschaft –, oder ein Schiedsrichter kommt ins Spiel – wie jüngst bei einem Mannschaftskampf in der 2. Bundesliga:

    „Ohne besonderen Anlass, außer jedem per se den Betrug zu unterstellen, wurden Heusenstammer Spieler durch den Schiedsrichter bis auf die Toilette begleitet und die Verrichtung der Geschäfte kontrolliert“, schreibt dazu der 1. Vorsitzende der Heimmannschaft, Dr. Rudolf Benninger.

    Die Kontrolle der Geschäfte ist heutzutage alternativlos. Damit diese auf Gegenseitigkeit beruhende Nebentätigkeit in einem angemessenen Ambiente stattfindet, empfehle ich, dass sich Heimmannschaften an einem umtriebigen Nordlicht orientieren: Jürgen Gosch. Kurz vor Weihnachten fand die Neueröffnung seines Fisch-Flaggschiffs in Westerland/Sylt statt. Die Sylter Rundschau war voll des Lobes und machte Lust auf einen Besuch:

    Die WC-Anlage ist im Herren-Bereich unter anderem mit Holzverkleidungen ausgestattet, über denen die brodelnde Gischt des Meeres die Wände ziert, während die Waschbecken in alte Whiskyfässer integriert sind.

    Auf Nachfrage verrate ich euch, wie die Damen-WCs ausgestattet sind. Ich durfte einen Blick hineinwerfen.

  9. Gerhard macht doch nur Spaß

    In der heutigen Lüttjen Lage (HAZ) beschäftigt sich Simon Benne mit den Geschichtskenntnissen von Schülern. Er hatte deren Gespräche während einer Fahrt mit der Straßenbahn aufgeschnappt. Dreißigjähriger Krieg, Napoleon, 1. Weltkrieg, alles ging kunterbunt durcheinander. Krass. So ähnlich erging es mir im Januar letzten Jahres in unserem Blog. „Jede Generation beginnt ja wieder bei null, wofür niemand etwas kann, und ständig kommt neuer Stoff hinzu“, ist Bennes verständnisvolles Resümee. Da schließe ich mich an. Unser Leben ist eine einzige Assoziationskette. Was wir nicht selbst erlebt oder gelernt haben, können wir nicht verarbeiten. Gestern habe ich eine solche Assoziationskette erlebt:

    Vor REWE auf der Limmerstraße sang ein Mann und begleitete sich dabei auf der Gitarre. Er sah aus wie der MahnMan von RTL (1992-1999). Dieser schräge Typ intonierte gerade den Ohrwurm, den wir von Hannes Wader kennen: „Heute hier, morgen dort“. Einmal im Ohr, gerät dieses samt Kleinhirn in Schwingungen und weckt Erinnerungen an Lieder mit ähnlichen Emotionen. Bei mir war es: „Alt wie ein Baum möchte ich werden“, von den Puhdys (1977). Kurze Zeit später stehe ich auf dem Klagesmarkt. An der eingerüsteten Fassade eines Geschäftshauses ist ein großes Transparent befestigt. Darauf steht: BAUM. Ich gucke genauer hin. Aha, ein Projekt von Gregor Baum, dem Immobilienunternehmer und Pferdeliebhaber aus Hannover. Dann lese ich, dass es sich bei der Baumaßnahme um ein Refurbishment handelt. Den Begriff musste ich später erstmal googeln: Aufpolierung ist damit gemeint. Aber mit diesem schlichten Wort lassen sich vermutlich keine Brexit-Flüchtlinge anlocken.

    Eine andere Assoziation stammt aus unserem Blog. Vor ein paar Tagen hatte ich den Satz: „Es ist nicht alles schlecht“, geschrieben. „Es war nicht alles schlecht“, ist ein Buch des Kabarettisten Wilfried Schmickler (WDR/Mitternachtsspitzen). Das Buch ist rund 10 Jahre alt. Ich habe mich wieder darin vertieft, nachdem ich mich sozusagen selbst inspiriert hatte. Das Buch ist großartig! Allein dieser Wortwitz in seinem thematischen Gedicht ist ein Vergnügen:

    Der Rest geht unter in Gelächter:
    Genau, es war nicht alles schlecht –
    Das meiste war noch schlechter.

    Über Wilfried Schmickler hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben, dass er ein brillanter Moralist sei, der wisse, dass er die Welt nicht verändern könne, aber auch wisse, dass er sie deswegen noch lange nicht hinnehmen muss. Damit sind wir Seelenverwandte. – Diese Redundanz ist an diejenigen gerichtet, die nicht jeden meiner Beiträge und Kommentare zu deuten wissen. Mit Satire können wir die Unbilden unseres Lebens erträglicher machen. Sogar dann, wenn Schachschiedsrichter zu hanebüchenen Maßnahmen greifen.

  10. Schlechter

    Ja. Dieses Wort in meinem letzten Kommentar ist Teil der Assoziationskette: Carl Schlechter. Er gehört zu den tragischen Figuren der Schachgeschichte. Beinah wäre er Weltmeister geworden. Schlechter sei bienenfleißig gewesen, aber so zart und schmächtig, dass ihn ein Windhauch umblasen könne, charakterisiert ihn J. Hannak in seiner Biographie über Emanuel Lasker. Um das legendäre WM-Match 1910 zwischen Lasker und Schlechter ranken sich viele Gerüchte. Fakt ist, dass die erste Hälfte (5 Partien) des Wettkampfs in Wien und die zweite in Berlin ausgetragen wurden. Die 5. Partie hatte Schlechter gewonnen, alle anderen waren bis zur 10. und damit letzten Partie Remis ausgegangen. Schlechter durfte diese Partie nicht verlieren. Dann wäre er Weltmeister geworden. Schlechter hatte Schwarz. Statt zurückhaltend zu agieren, spielte er scharf, stand auf Gewinn, versäumte anschließend eine Zugwiederholung, die zum Remis geführt hätte, und verlor. Die Partie wurde zweimal unterbrochen. Sie zog sich über drei Tage hin: 8., 9. und 10. Februar 1910.

    Thomas Glavinic hat darüber ein Buch geschrieben: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden (siehe Rezension von Udo Harms). Was darin authentisch ist, und was der Fantasie des Autors entspringt, lässt sich nur vermuten. Im 10. Kapitel beschreibt Glavinic die ersten Tage in Berlin: Schlechter hastete zwischen Schachtisch und Toilette hin und her. Er aß fast nichts, dennoch hatte er seine Verdauung nicht unter Kontrolle. Eine nie zuvor erlebte Aufregung rumorte in seinen Gedärmen. Schließlich borgte er sich Fähndrichs Taschentuch Taschenschach aus, um auch auf dem Klosett analysieren zu können. – Das ging so weiter. Während der Eröffnungsrede vor der ersten Partie in Berlin, trat Carl von einem Fuß auf den anderen. Er musste dringend zur Toilette. […] Seine Gedärme schieden Wasser aus. Carl zitterte am ganzen Körper. Er beeilte sich.

    Carl Schlechter starb 1918 im Alter von 44 Jahren. Er war verhungert.

    Heute – und das ist eine weitere Assoziation – drängt sich die Frage auf: Wie würden sich übereifrige Schiedsrichter angesichts einer solchen körperlichen Verfassung verhalten?

    Wer mehr über Carl Schlechter erfahren möchte, möge diesen lesenswerten Artikel auf ChessBase anklicken.

    Eine ganz andere Assoziation habe ich in Bezug auf den Titel des Buches:

    Carl Haffners Liebe zum Unentschieden
    Fräulein Smillas Gespür für Schnee

    Mal sehen, was mir dazu einfällt…

    1. Schlechter stand in der letzten Partie gegen Lasker zu keinem Zeitpunkt auf Gewinn, wie Robert Hübner überzeugend nachgewiesen hat. Wie ein Taschentuch bei der Analyse auf dem Klosett hilfreich sein sollte, erschließt sich mir nicht. Ich hätte ein Taschenschach bevorzugt. Glavinics Machwerk wird in weitesten Teilen allein seiner Fantasie entsprungen sein; so werden sogar historische Fakten häufig falsch wiedergegeben. Als Beispiel sei der Einleitungssatz des erwähnten Kapitels 10 genannt: „Vor der letzten Partie beanspruchte Lasker eine Auszeit von zwei Tagen.“ Tatsächlich wurde die 10. Partie an demselben Tag begonnen, an dem die 9. beendet worden war (8. Februar 1910).

  11. Fräulein Smilla – Weinhaus Schachner

    Was haben beide gemeinsam? Schnee! Das glaubt ihr nicht!? Dann werft bitte einen Blick nach oben. Vor 10 Jahren, am 29. Januar 2010, gab es so viel Schnee auf Sylt, dass sich die Mitarbeiter vom Weinhaus Schachner einen Schneemann vor ihrem Geschäft in Westerland bauen konnten. Dabei zeigten sie ihr Gespür für das passende Outfit des Schneemanns: ein Schal in den Farben des Hauses.

    Die schlechte Nachricht: das Weinhaus hat in der vergangenen Woche Insolvenz angemeldet. 16 Mitarbeiter sind davon betroffen. Presseberichten zufolge soll ein Brand in der Lagerhalle die Ursache für die Schieflage des Unternehmens sein. Der Brand hatte im Sommer des vergangenen Jahres einen hohen Sachschaden angerichtet. Der Chef heißt Martin Schachner. Die erste Silbe seines Nachnamens verpflichtet uns zu einer erhöhten Aufmerksamkeit. Darüber hinaus ist er ein Landsmann der Krennwurzn.

    Diesen Kommentar widme ich der leidenschaftlichen Anna. – Vielen Dank! (Für die Löschung ihres Kommentars bin ich nicht verantwortlich)

    1. Hallo Gerhard, für die Kommentar-Löschung bin ich verantwortlich, denn die „leidenschaftliche Anna“ war eindeutig Spam. Gut gemachter Spam, aber doch der Versuch eines hannoverschen Fotografen einen Link dieser Schachseite zu ergattern, weil das doch hilfreich sein soll für die Suchmaschinenoptimierung… Anna ist eine Fiktion, leider.

      1. Hallo Jürgen, wenn es ein Spam war, war es kein schlimmer. Die Anna gibt es wirklich, wobei sie in Wirklichkeit Anastasia heißt. Ihr Geschäft befindet sich real in Linden-Mitte. Es ist nicht auszuschließen, dass sich auch Fotografen für einheimische Schachspieler interessieren. Jedenfalls war der Text individuell verfasst und nicht vergleichbar mit üblichen Spams, die ich täglich von vornherein lösche. Sei’s drum. So oder so hat ihr leidenschaftlicher Kommentar etwas Stimmung in die Bude gebracht.

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