Alter schlägt Jugend mit 5,5:2,5

In der Verbandsliga Süd liegt der Altersschnitt unserer 2. Mannschaft bei 59 Jahren. Das ist der Spitzenwert. Am anderen Ende der Skala liegt die 3. Mannschaft des SK Lehrte mit 25 Jahren im Schnitt. Beide Teams mussten heute gegeneinander antreten. Das Ergebnis ist eindeutig, wenngleich es etwas zu hoch ausfiel. Das lag an einigen überflüssigen Patzern auf Lehrter Seite. Symptomatisch ist meine Partie, dessen Ende ich euch gleich zeige. Mein junger Gegner hat bis zum 28. Zug stark gespielt und sich keinen Fehler geleistet. Die Eröffnung kannte er offenbar aus dem Effeff. Nach 20 Zügen hatte er durch das Inkrement noch keine Zeit verbraucht; ich hingegen hatte bereits eine Stunde meiner Bedenkzeit investiert.

Vorher möchte ich noch auf meine Partie aus der 1. Runde gegen Harald Kiesel eingehen. Unsere Eröffnung, die Seltenheitswert hat, wurde gestern in der 1. Bundesliga kopiert; und zwar von IM Ilja Schneider (SF Berlin) und GM Gennadi Ginsburg (SV Hofheim). Bis zum 9. Zug war der Partieverlauf identisch. Dann wich Schwarz mit 9… De7 ab. Harald Kiesel hatte 9… b6 gespielt. Nachdem Iljas kleiner Vorteil versandet war, endete die Partie ebenfalls mit einem Remis. Ich kann mir vorstellen, dass sich Ilja die Anregung für 4. a3!? in unserem Blog geholt hat. Schließlich gehört Ilja seit Beginn zu den Fans unseres Blogs. Und ich zu den Fans seines ehemaligen Blogs in der ZEIT. Das ist leider Geschichte.

8 Gedanken zu „Alter schlägt Jugend mit 5,5:2,5“

  1. Kleiner Nachtrag zu meiner Partie: Springergabeln haben einen hohen ästhetischen Wert. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, euch noch die nächsten beiden Züge zu zeigen, die wir auf dem Brett hatten. Es handelt sich um ein „furchtbares Familienschach“, das ihr mit eurem geistigen Auge realisieren müsst: 41. Tc3 Dh1+ 42. Kd2 Se4+

  2. Ich finde übrigens nicht, dass unser Sieg „etwas zu hoch ausfiel“. Unsere ersten drei Bretter haben sehr souveräne Vorstellungen abgeliefert, ganz besonders Olaf, der seinem Gegner keine realistische Chance gelassen hat. Sicherlich hatte Ulrich Glück mit dem einzügigen Matt, das er ausführen durfte, aber andererseits war bei Günther und Martin (vielleicht sogar bei Louis) jeweils ein halber Punkt mehr drin. Auch über ein 6:2 hätten sich die Lehrter nicht beschweren können. Wir sollten dies als Motivation fürs nächste Mal mitnehmen!

    1. „Etwas zu hoch“ kann man ja auf viele verschiedene Dinge beziehen. Wenn man die DWZ der verschiedenen Akteure zu Rate zieht (eine bessere Größe existiert auch garnicht), neutralisieren sich die Vorzüge an den ersten beiden (Vorteil SFH) und letzten beiden (Vorteil SKL) Brettern gegenseitig. Es bleibt ein halbwegs konstanter (93,69,78,91) DWZ Vorsprung an den Brettern 3-6, was Gewinnerwartungswerten im Bereich von 60% pro Brett entspricht.

      Anders gesagt: Der Gesamtgewinnerwartungswert ist 4.52/8. An einem guten bzw. schlechten Tag (je nachdem, aus wessen Sicht) kann sich das natürlich in ein 5.5/8 verwandeln, aber ich stimme Gerhard zu, dass der Sieg im Bezug auf die Spielstärke relativ hoch ausfällt.

      Ansonsten natürlich: Glückwunsch!

  3. Dienstag, der 13. und die Deutsche Bahn

    Jürgen hat Olafs formidable Leistung bereits erwähnt. Das Lob ist berechtigt. Olaf kann nicht nur Schach, sondern auch Deutsche Bahn und alles, was sonst noch dem geordneten Verkehr dient. Für die Theorie ist Olaf meines Wissens nicht verantwortlich und für die Praxis auch nicht. Ein Blick auf die Praxis ist trotzdem erhellend. Deshalb widme ich Olaf die folgende Geschichte. Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger dürfen sich daran auch erfreuen.

    Vor einer Woche habe ich mein Ticket inkl. Sitzplatzreservierung für eine Dienstfahrt nach Sylt gelöst. Am Dienstag, den 13. November, sollte der ICE um 8:36 Uhr im Hauptbahnhof von Hannover losfahren und um 10:10 Uhr in Hamburg-Altona ankommen. Mein Anschlusszug sollte um 10:40 Uhr starten. Kurz bevor ich meine Wohnung verlasse, gucke ich sicherheitshalber ins Internet. Upps! Der Zug hat 45 Minuten Verspätung. Damit würde ich den Anschlusszug nicht erreichen. Schnell umgeswitcht. Ich versuche, den ICE um 8:22 Uhr zu ergattern. Mit der Stadtbahn komme ich um 8:18 Uhr im Untergrund unseres Hauptbahnhofs an. Mit Koffer und Handgepäck sprinte ich die vier langen Treppen bis auf den Bahnsteig empor. Es ist 8:20 Uhr. Rechtzeitig geschafft. Nö: Eile mit Weile. Dieser ICE hat 25 Minuten Verspätung!

    30 Minuten später als geplant fahren wir los. Im ICE herrscht Gedränge. Ich bin nicht der Einzige, der nicht ewig warten will und kann. Meine Sitzplatzreservierung? Geschenkt. Bis kurz vor dem Bahnhof Altona läuft der ICE rund. Dann gerät er ins Stocken. Es bleiben nur wenige Minuten für meinen Anschlusszug nach Husum. Die Erlösung: um 10:35 Uhr steige ich aus. Die Ernüchterung: der für 10:40 Uhr geplante Zug nach Husum fällt aus. Der nächste fährt eine Stunde später.

    Ich bleibe cool, verlasse den Bahnhof Altona und schlendere durchs MERCADO. An diesen Gebäudekomplex habe ich gemischte Erinnerungen. Vor 17 Jahren musste ich mich um 8.500 Mängel kümmern, die nach der Abnahme, die 5 Jahre zuvor stattgefunden hatte, nicht beseitigt worden waren. Das war eine Geschichte aus dem Tollhaus. – 11:15 Uhr. In der Fußgängerzone vor dem MERCADO torkelt, nein, kriecht ein sturzbetrunkener und völlig verdreckter Mann auf eine Sitzbank zu. Ein paar Meter weiter sitzt ein Obdachloser neben seinen Habseligkeiten. Er schüttelt den Kopf und spricht mich an: „Ist das nicht schlimm?“ Ich nicke. „Der ist jeden Morgen betrunken. Solche Leute schaden unserem Ansehen.“ Dann wünscht er mir noch eine gute Reise.

    Zurück im Bahnhof Altona. Vor dem Informationsstand hat sich eine lange Schlange gebildet. Der Grund: der Zug um 11:40 Uhr fällt ebenfalls aus. Hinter dem Schalter der Information telefoniert und gestikuliert ein Mann auf sehenswerte Weise. Er trägt eine schwarze Gelfrisur, die an Kaisers Zeiten erinnert, und einen Schnurbart, den wir von Horst Lichter kennen, nur in schwarz statt in blond. Er wisse auch nicht, warum kein Zug kommt. Die Strecke sei frei. Lautsprecherdurchsagen: Fehlanzeige. Ratlosigkeit macht sich breit.

    Ich überlege ernsthaft, wieder zurück nach Hannover zu fahren. Dann ein Hoffnungsschimmer: Ein Nahverkehrszug fährt um 11:55 Uhr nach Wrist. Da will zwar niemand hin, aber in Elmshorn macht der Zug halt. Ein bisschen näher an Sylt kann nicht schaden. In dem kleinen Zug wird’s ebenfalls eng, aber nicht auszudenken, wir hätten Rushhour oder Ferienzeit. Mir gegenüber verheddern sich die unteren Extremitäten zweier Männer. Er eine gesteht, 2,08 m groß zu sein. Durch Umsetzen wird die schmerzliche Situation bereinigt. – 12:20 Uhr. Ich stehe auf dem Bahnsteig von Elmshorn. Es ist kalt und zieht wie zu Novemberzeiten vor dem Klimawandel. Wird hier ein Zug auftauchen, der gen Norden fährt? Ja! Nach 20 Minuten kommt einer, der fährt bis nach Itzehoe, und von Itzehoe fährt einer nach Heide, und von Heide fährt einer nach Husum, und von Husum fährt einer nach Westerland. Wow!

    Um 16:00 Uhr komme ich in Westerland an. Zwei Stunden später als geplant. Ich habe in sechs verschiedenen Zügen gesessen und drei Stunden auf Bahnsteigen verbracht. Meinen Termin auf Sylt musste ich absagen.

    Wie erging es mir einen Tag später auf meiner Rückfahrt? Von Westerland bis Altona verläuft die Zugfahrt wie am Schnürchen. Ich sitze im ICE. Zwei Minuten vor der Abfahrt meldet sich eine freundliche Dame via Lautsprecher: „Verehrte Fahrgäste. Unsere Abfahrt verschiebt sich um 15 bis 20 Minuten. Wir warten noch auf unseren Lokführer.“ Bingo! Zwanzig Minuten später kommt die frohe Botschaft: Der Lokführer ist da! In Hannover hat der ICE eine Verspätung von 31 Minuten.

    Das kann doch einen Rentner nicht erschüttern. Wenn Stuttgart 21 fertig ist, kann ich ohne umzusteigen von Paris nach Bratislava fahren. Darauf freue ich mich. Durchhalten ist angesagt. Alterstechnisch befinde ich mich zwischen Prinz Charles und Horst Seehofer. Ideologisch natürlich weit weg von Horst und ganz dicht beim ewigen Thronfolger.

    Apropos Thronfolger. Wäre es nicht hilfreich, wenn ein starker Schachspieler die Deutsche Bahn leiten würde? Wie!? Den gibt’s schon!? Fortsetzung folgt…

  4. Respekt! Da hast Du den Zustand der Bahn in Deutschland nicht nur erlitten, sondern wieder einmal sehr schön beschrieben. Und nebenbei mit dieser Steilvorlage natürlich einen Schachfreund aus der Reserve gelockt…
    Um es vorweg noch einmal klar zu stellen: Ich habe zwar beruflich mit der Bahn zu tun, stehe aber in keinerlei Beschäftigungsverhältnis zur Deutschen Bahn oder einem anderem Verkehrsunternehmen. Deshalb bitte NICHT auf mich einprügeln!
    An jenem Dienstag, den 13., schilderte auch ein Lokalredakteur der HAZ seine Erlebnisse mit der Bahn und kam zu dem Fazit: „In einer Zeit, in der viel Streit und Unversöhnlichkeit über das Land gekommen sind, bietet die Bahn in ihrem Versagen etwas, das uns eint. Sie sollte an ihrer Pünktlichkeitsrate arbeiten, aber nicht zu sehr. Sonst können wir nicht mehr kollektiv schimpfen.“
    Ob der aktuelle Vorstand der Deutschen Bahn Schach spielt und vielleicht sogar Gerhards Beitrag gelesen hat, weiß ich nicht, zumindest hat er prompt reagiert und am Freitag zusätzliche Milliarden vom Bund zur Beseitigung von Infrastrukturmängeln und für die Beschaffung neuer Fahrzeuge eingefordert. Kritiker meinen ja, die Probleme lägen eher in den Strukturen (Querbezug 1 zum Schach!) und verweisen auf Nachbarländer wie die Schweiz oder die Niederlande, wo der Bahnbetrieb mit einer fast schon nervtötenden Perfektion abläuft. Woraufhin die Bahn dann erwidert, mit diesen kleinen Ländern sei Deutschland ja gar nicht zu vergleichen…
    An der Stelle möchte ich die Kurve zurück nach Lehrte kriegen, jener alten Eisenbahnerstadt, in der zu meiner Kindheit in der 70ern noch zahlreiche Dampfloks qualmten. Von denen steht nur noch ein einzelnes, ziemlich herunter gekommenes Exemplar als Denkmal neben dem Bahnhof, dafür erwartete uns beim Mannschaftskampf aber ein äußerst vitales Vereinsheim des SK Lehrte. Ich bin den letzten Jahrzehnten aus dem selben Anlass schon öfter dort vorgefahren, diesmal schien es mir jedoch, als seien gefühlt noch mal drei Jugend- und Frauenmannschaften dazu gekommen. Das hat mich deutlich mehr beeindruckt als unser – okay: für SFH2 wichtiger – Sieg. Deshalb sollten wir die freundlich vom Gastgeber zugestandenen Erfolgserlebnisse nicht allzu hoch hängen, sondern uns eher fragen: Wie machen die das? Wieso dort und fast gar nicht in der Großstadt Hannover? Ist es die Leere in Lehrte? Autsch! Bevor ich jetzt ein Abonnement für schlechte Wortspiele abschließe („Was lehrte uns Lehrte?“), gebe ich den Ball lieber wieder zurück an die Experten…

    1. Ein Schachspieler leitet das größte Bahnunternehmen Mitteleuropas

      Ich fahre gerne Bahn. Seit 25 Jahren besitze ich ununterbrochen die BahnCard 50. Es war nicht alles schlecht. Aber es wird nicht besser. Seit 2009 stellt ausschließlich die CSU den Bundesverkehrsminister, und zwar in dieser Reihenfolge: Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt, Christian Schmidt und Andreas Scheuer. Noch Fragen? Es ist viel versäumt worden. Auch in den 11 Jahren zuvor, als das Verkehrsministerium von der SPD geleitet wurde.

      Für Außenstehende ist es schwer zu beurteilen, ob der jeweilige Vorstand der Deutschen Bahn bei weichenstellenden Entscheidungen freie Hand hatte. Die Ära Mehdorn war kein Ruhmesblatt. – Die Deutsche Bahn ist etwa so komplex wie eine Schachpartie. Ein fehlerhafter Zug (man beachte das Wortspiel!) und die Engine konstatiert ein dickes Minus. Für das Geld, das im Erdreich von Stuttgart versenkt wird, hätte man ganz Schleswig-Holstein für den Rest dieses Jahrhunderts bahntauglich machen können.

      Als letzter Optimist vor der Bahnsteigkante setze ich meine Hoffnungen natürlich auf den neuen Bahnchef: Richard Lutz. Kurz nach seiner Amtseinführung hatte er es sich nicht nehmen lassen, die 1. Bundesvereinskonferenz des Deutschen Schachbunds zu besuchen, obwohl er am nächsten Morgen in den Nahen Osten fliegen musste. Inwieweit er sich gegen die Autofetischisten aus dem Söder-Land durchsetzen kann, dürfen wir gespannt beobachten. Immerhin hat mein Kommentar in unserem Blog ein Stühlerücken im DB-Vorstand ausgelöst.

  5. Verkehr ist Männersache

    Wisst ihr, welcher Mann zuletzt Familienminister in Deutschland war? Antwort: Heiner Geißler von 1982 bis 1985. Die Rollenverteilung in unserer Gesellschaft kann man anhand der Ministerinnen und Minister ablesen, die seit 1949 im Amt waren oder sind. Dafür habe ich diese Hitliste erstellt:

    1. Innen = 20 Männer, 0 Frauen
    2. Verkehr = 19 Männer, 0 Frauen
    3. Finanzen = 19 Männer, 0 Frauen
    4. Außen = 13 Männer, 0 Frauen
    5. Wirtschaft = 19 Männer, 1 Frau
    6. Verteidigung = 16 Männer, 1 Frau amtierend
    7. Entwicklungshilfe = 13 Männer, 1 Frau
    8. Arbeit = 13 Männer, 2 Frauen
    9. Ernährung = 13 Männer, 3 Frauen 1 amtierend
    10. Umwelt (seit 1986) = 5 Männer, 3 Frauen 1 amtierend
    11. Justiz = 17 Männer, 4 Frauen 1 amtierend
    12. Bildung = 20 Männer, 5 Frauen 1 amtierend
    13. Gesundheit = 6 Männer, 10 Frauen
    14. Familie = 4 Männer, 17 Frauen 1 amtierend

    Gesundheit und Familie sind nichts für Männer. Uns liegt die Kraftmeierei. Je mehr PS desto besser. Die Deutsche Bahn AG gibt es seit 1993. 5 Männer und 0 Frauen wechselten seitdem auf dem Chefposten. Und wie sieht es im Deutschen Schachbund aus? 17 Präsidenten zählen wir seit 1877. Lauter Männer. Dabei geht es auch anders: Lehrte kann Bahn und Frau. Zur Nachahmung empfohlen.

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