Ich bin drin (5)

Zu den größten Schachtalenten, die Hannover hervorgebracht hat, gehört Jürgen Juhnke. Jürgen ist mein Jahrgang. Am 10. Dezember wird er so alt, wie ich jetzt schon bin. Seine stärkste Phase hatte er in den Jahren 1969 bis 1973. Bei den Jugendweltmeisterschaften 1969 belegte er den 6.-7. Platz. Jugendweltmeister wurde damals Anatoli Karpow, bekannt aus Funk, Fernsehen und einschlägigen Magazinen. Kaum dem Jugendalter entwachsen sorgte Jürgen auch bei den Älteren für Furore. Bei den Niedersachsenmeisterschaften 1973 gewann er den Titel mit 9,5 von 11 möglichen Punkten. Das hochkarätige Feld folgte mit drei Punkten Abstand. In den Jahren danach wurde es in der Schachszene ruhig um ihn. Die Gründe sind mir nicht bekannt. Mittlerweile schlägt sich Jürgen so leidlich in der 1. Mannschaft vom SK Lister Turm. Diese Mannschaft ist bekanntlich unser nächster Gegner. Aus diesem Anlass habe ich eine Partie herausgesucht, die ich 1970 gegen Jürgen Juhnke gespielt habe.

Für diejenigen, die im Jahr 1970 noch nicht auf der Welt waren, seien drei wichtige Ereignisse des Jahres genannt: Jimi Hendrix spielt am 4. September auf Fehmarn und stirbt am 18. September in London an einer Überdosis Schlaftabletten, das Wahlalter wird in der Bundesrepublik auf 18 Jahre herabgesetzt, und in Niedersachsen platzt die GROKO, weil die CDU ein ehemaliges NPD-Mitglied aufgenommen hatte.

Zu dieser Zeit hieß der „Dähne-Pokal“ noch „Silberner Turm“. Die Umbenennung gab es ein Jahr später zu Ehren des verstorbenen Präsidenten (von 1951-1968) des Deutschen Schachbunds: Emil Dähne. Sieger auf Bundesebene 1970/71 wurde Bodo Schmidt; lange Klubkamerad von Helmut Reefschläger bei der SG Porz. Auf Bezirksebene musste ich im Halbfinale gegen Jürgen Juhnke spielen, der sich in Hochform befand. Ich hatte Weiß. Am Ende der sehenswerten Partie konnte ich den Sack leicht zumachen, aber ich zog meinen König zur falschen Seite, wodurch sich Jürgen in eine Zugwiederholung durch Schachgebote retten konnte. In der fälligen zweiten Partie war ich indessen chancenlos und verlor.

Übrigens hat Jürgen eine eigene Webseite. Die ist professionell gemacht, man merkt jedoch, dass sie dringend einer Blutauffrischung bedarf. Dass dies auch im fortgeschrittenen Alter geht, beweist ein ziemlich alter Sack, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Guckst du hier: http://www.juergen-juhnke.de/startseite.htm

Streich, Gerhard – Juhnke, Jürgen [E84]

Silberner Turm, 1970

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 Die Grundstellung des Sämisch-Systems. Es gehört zur nachhaltigsten Bekämpfung der Königsindischen Verteidigung. Weiß befestigt seine Position im Zentrum und bereitet 6. Le3 vor. 5…0-0 6.Le3 Sc6 Eine Idee des Argentinischen Großmeisters Panno. Schwarz plant eine Aktion am Damenflügel (a6, Tb8, b5) bevor er e7-e5 zieht. 7.Dd2 Te8 8.g4 Tb8 9.0-0-0 a6 10.Sge2 b5 11.Sg3 e5 12.d5 Sd4! 13.Df2 [13.Lxd4?! exd4 14.Sce2 Lxg4 15.Sxd4 (15.fxg4? Sxg4 16.Sf4 Lh6!) 15…Ld7-/+] 13…b4 14.Sce2 b3 15.a3 Der Damenflügel bleibt geschlossen. Der Bauer b3 kann jedoch leicht zum Sargnagel werden. 15…Sc2 16.Ld2 Sd7 17.h4 Sc5 18.Kb1 Sd3 19.Dh2 c5

Stellung nach 19... c7-c5
Stellung nach 19… c7-c5

20.Sc1 [20.h5 g5!? 21.Sf5 Lxf5 22.gxf5 h6 unklar] 20…Sxc1?! [Schwarz verpasst eine gute, vielleicht sogar die einzige Gelegenheit, mit einem Figurenopfer die Initiative zu ergreifen; z.B.  20…Sxb2!? 21.Kxb2 Dd7 22.h5 Da4 23.Lc3 Sxa3 24.hxg6 hxg6 25.Dh7+ Kf8 26.Th2 a5 27.g5 Sc2 28.Sd3 Da3+ 29.Kb1 Da2+ 30.Kc1 unklar] 21.Txc1 Sd4 22.Le2 f5 23.gxf5 gxf5 24.Sh5 f4 25.Sxg7 Kxg7 26.Tcg1+ Kh8 27.Ld1 Ld7 28.h5 Tg8 29.Le1 Der Raum zum Angriff ist begrenzt, aber es geht voran. Infrage kam folgende Variante: [29.Tg6!? La4 (29…hxg6 30.hxg6+ Kg7 31.Dh7+ Kf6 32.Df7+ Kg5 33.Tg1+ Kh6 34.Dh7#) 30.Le1 Dc7 31.Dh4 Tgf8 32.Dg5 hxg6!? 33.hxg6+ Kg8 34.Th7 Tb7 35.Txc7 Txc7+/=] 29…Df6 30.Lh4 Dh6 31.Le7 Txg1 32.Txg1 Tg8 33.Txg8+ Kxg8 34.Dh4 Kf7 35.Ld8 Df8 36.h6 Ke8 37.Dg5 Lh3 38.Lb6? Tempoverlust. Besser war sofort 38. …Lc7. 38…Lf1 39.Lc7 De7 40.Dg8+ Kd7

Stellung nach 40... Ke8-d7
Stellung nach 40… Ke8-d7

41.Ld8! Lenkt die Dame vom Bauern h7 ab. Solche Ideen lassen sich nie mehr aus der Erinnerung tilgen. Auch nicht nach 43 Jahren. Gut so, wobei Schwarz auch nach dem schlichten Zug 41.Lb6 auf Verlust steht. 41…Dxd8 42.Dxh7+ Kc8 43.Da7 Dh4 44.h7 Die Umwandlung des Freibauern kann Schwarz nicht verhindern. Er muss sein Heil im Gegenangriff suchen. 44…Ld3+ [44…Le2 45.h8D+ Dxh8 46.Da8+ Kd7 47.Dxh8 Lxd1 Schwarz hätte lediglich zwei Figuren für die Damen. Leicht wäre der Gewinn trotzdem nicht für mich.]

Stellung nach 44... Lf1-d3+
Stellung nach 44… Lf1-d3+

45.Ka1? [In Zeitnot übersehe ich den einfachen Gewinnzug 45.Kc1! Lxc4 46.h8D+ Dxh8 47.Da8+ Kd7 48.Dxh8+- Die Zeitkontrolle gab’s erst im 50. Zug.] 45…Sc2+ 46.Kb1 [46.Lxc2?? De1+ 47.Lb1 Dxb1#] 46…Sb4+ 47.Ka1 [Jetzt scheitert  47.Kc1?? Sa2+ 48.Kd2 Df2+ 49.Kxd3 De3#] 47…Sc2+ 1/2

3 Gedanken zu „Ich bin drin (5)“

  1. Nicht ohne Rührung habe ich gelesen, mit welch freundlichen Worten Gerd mich bedacht hat. Nur ein Hinweis: Damals musste ich mich zwischen Mathematik-Studium und Schach entscheiden. Wer die deutschen Schachprofis kannte (Rellstab und Sämisch – Unzicker und Schmidt zählen hier nicht, deren bürgerliche Existenz war gesichert), dem fiel die Wahl nicht schwer. Seitdem – also seit über 40 Jahren -wurde ich kontinuierlich schwächer und blieb so mit Gerd auf Augenhöhe. Diese Entwicklung beschreibt auch Anand, wenngleich auf anderem Niveau im Interview http://www.zeit.de/sport/2013-11/schach-wm-anand-niederlage-interview/seite-1

  2. Wenn ich die Geister, die ich rief, nicht mehr loswerde, bin ich nicht böse. Denn bislang sind es nur gute Geister, die sich hier zu Wort melden. Ein Lehrling war und bin ich mein Leben lang. Und manchmal verstehe ich es zu zaubern. Über deinen Kommentar, Jürgen, habe ich mich sehr gefreut. Vielleicht gefällt dir auch meine Fortsetzung unter (6).

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