18. Neckar-Open

Der Schwabe. Wenn er von etwas schwärmt, findet er das sauschdarg oder saumäßig. Der Legende nach ist so der 6.700-Seelen-Ort Deizisau entstanden. Außerhalb des Ländle würde ihn kein Schwein kennen, gäbe es nicht den äußerst engagierten Verein „Schachfreunde Deizisau“. Gut informierte Schachfreunde wissen, dass die sogar mit einer Mannschaft in der 1. Frauenbundesliga vertreten sind. Der legendäre Satz von Sepp Herberger: „Elf Freunde müsst ihr sein“, ist ein Kinderspiel gegenüber dem Postulat der Bundesliga: „Sechs Frauen müsst ihr sein!“ Dessen nicht genug, gelingt es den Schachfreunden aus Deizisau Jahr für Jahr, das größte deutsche Schach-Open zu veranstalten.

Der Hingucker: EnBW-Kraftwerk Altbach/Deizisau
Der Hingucker: EnBW-Kraftwerk Altbach/Deizisau

Getreu dem Motto von Gottlieb Daimler: „Das Beste oder nichts!“, habe ich mich deshalb nach 11 Jahren Turnier-Abstinenz bereits Ende Januar für das Open angemeldet. Ich habe es nicht bereut. Rund 750 Schachfreunde haben am Open, das nach Leistungsstärke in drei Gruppen aufgeteilt war, teilgenommen. Es war eine logistische Meisterleistung des Veranstalters. Alles lief unaufgeregt und professionell. Das begann im Vorfeld mit der Vermittlung von günstigen Hotelzimmern. Der sonst übliche Übernachtungspreis wurde einheitlich auf etwa die Hälfte (40 Euro) reduziert. Hinzu kam ein unentgeltlicher Shuttle-Service zwischen den Hotels und dem Spiellokal, den man mehrmals am Tag in Anspruch nehmen konnte. Die meisten Hotels liegen über 7 km entfernt in Esslingen. Zu weit für einen Fußmarsch und mit der S-Bahn waren zweimal 20 Gehminuten zu bewältigen.

Die Gemeindehalle (Spielstätte für die Bretter 1-70)
Die Gemeindehalle (Spielstätte für die Bretter 1-70)
Die Sporthalle nebenan (Spielstätte fürs Fußvolk)
Die Sporthalle nebenan (Spielstätte fürs Fußvolk)
Blick in die Gemeindehalle (Die Bretter sind zur 6. Runde freigegeben)
Blick in die Gemeindehalle (Die Bretter sind zur 6. Runde freigegeben)
Viel Platz in der großen Sporthalle für den Rest des A-Open sowie für das B- und C-Open
Viel Platz in der großen Sporthalle für den Rest des A-Open sowie für das B- und C-Open

Der Vater des Turniermanagers war einer der Fahrer, die uns ehrenamtlich kutschierten. Von Schach hat er keine Ahnung, aber seit 18 Jahren ist er stets einer der unentbehrlichen Helfer. Vorher und nachher gibt es eine Menge zu tun. Allein die etwa 1.500 m² große Sporthalle muss jedes Mal mit einem Teppichboden belegt werden. Abgesehen von der permanenten Verpflegung mit belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen gab es einen günstigen Mittagstisch, der für die vielen hungrigen Mäuler aus der Küche des Gemeindesaals gezaubert wurde. An den ersten 70 Brettern wurde im Gemeindesaal gespielt, der Rest war in der Sporthalle aktiv.

9 Runden in viereinhalb Tagen zu spielen ist kein Pappenstiel. Es war aber nicht so anstrengend, wie ich befürchtet hatte. Allein die Warterei zwischen der Runde am Vormittag und der am Nachmittag war nervig. Hier zeigt sich der Nachteil von Deizisau. Hier ist nämlich der Hund verfroren. Für ein Familienleben ist das okay, aber für Touristen gibt’s nur wenig zu sehen. Am Ostermontag, zwischen der 8. und 9. Runde, habe ich einen Spaziergang auf den Berg gemacht, an den sich der Ort anschmiegt. Als ich oben war, hatte ich apokalyptische Gefühle. Ich befand mich inmitten von Streuobstwiesen, die gerade in Blüte stehen. Sieht so der Himmel aus? Die Blicke nach unten, nach rechts, nach links und nach oben hatten etwas Beängstigendes. Häuser wohin man schaut. Kaum ein Berghang wurde ausgelassen. Unten der Neckar, eigentlich idyllisch, wären da nicht die mächtigen Schornsteine des Kraftwerks auf der Neckarinsel. Parallel zum Neckar verläuft die Bahnstrecke, auf der S-Bahnen, Regionalbahnen, ICEs und Güterzüge entlangrauschen, auf der anderen Seite eine autobahnähnliche Schnellstraße, auf der sich unentwegt Autos hin und her bewegen. Und oben? Im Minutentakt setzen Flugzeuge zum Landeanflug auf den Stuttgarter Flughafen an. Die Deizisauer werden das dumpfe Dröhnen vermutlich nicht mehr hören. Aber ist unser Preis für diese Art der Zivilisation nicht zu hoch? Ihr müsst mal über Google-Earth von Stuttgart aus den Neckar verfolgen. Fast nahtlos gehen die Orte bis zur Quelle ineinander über. Im Wechsel befinden sich Wohnhäuser, Industriegebiete, Baumärkte und Discounter.

In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ist ein großer Artikel dem fränkischen Kabarettisten Matthias Egersdörfer gewidmet. Auf die Frage, was für die Menschen wirklich wichtig sei, antwortet er: „Geschlechtsverkehr, Essen, Verdauung.“ „Der Mann hat keine Ahnung“, sage ich, „offenbar hat er noch nie eine Schachpartie gewonnen. Ein Sieg und alles andere wird nebensächlich!“ Meine Glücksmomente hielten sich in Grenzen. Ich gewann dreimal, verlor viermal und spielte zweimal Remis. Meine erste Partie am Donnerstagabend war die spannendste. Die will ich euch anschließend zeigen. Die Partie hätte ich auch verlieren können. Manchmal liegen Sieg und Niederlage verdammt eng beieinander. Über den Rest decke ich den Mantel des Schweigens, wobei mir von den vier Nullen nur eine plausibel erscheint. Mal sehen, ob meine Analysen hilfreich sein werden, die Ursachen aufzudecken.

Das Turnier gewann der tschechische Großmeister Viktor Laznicka (Jahrgang 1988) mit 8 aus 9 Punkten (!) vor Kacper Piorun (Polen) und Andrey Vovk (Ukraine) beide Jahrgang 1991. Also eine klare Sache für die Jugend. Vorjahressieger Richard Rapport (Ungarn) Jahrgang 1996 wurde Vierter. Deutschlands Nummer 1, Arkadij Naiditsch, musste sich mit dem 9. Platz zufrieden geben. Er gehört mit seinen 29 Jahren schon zum alten Eisen. Alle Ergebnisse findet ihr auf der hervorragenden Webseite des Veranstalters:
http://www.neckar-open.de/index.php/de/

Begeistert bin ich von der Stadt Esslingen. Bislang kannte ich nur deren Namen. Dass es sich dabei um eine stolze, mittelalterliche Reichsstadt handelt, die über eine Vielzahl historischer Bauten verfügt, und zugleich ein bedeutender Wirtschafts- und Bildungsstandort mit 88.000 Einwohnern ist, habe ich nicht gewusst. Deshalb werdet ihr im Anhang eine Fotoserie finden, die etwas von dem Flair vermittelt. Ein Blick von heute Morgen auf Stuttgart 21 gehört dazu. Schließlich macht eine solche Schachreise nur Sinn, wenn etwas vom Zielort haften bleibt. Sonst könnten wir auch vorm heimischen PC mit virtuellen Gegnern auf Chessplay spielen.

Wie geht’s mit mir weiter? In einer Woche werde ich Rentner. Dann eröffnet meine Tochter mit dem Papst eine Herren-Boutique in Wuppertal. Und ich mache den Peer. Beidhändig. Worauf ihr euch verlassen könnt.

Streich, Gerhard (2151) - Hofmann, Frank (1892) SK Lauffen [E69]
18. Neckar-Open (1), 17.04.2014

1.Sf3 Sf6 2.d4 g6 3.c4 Lg7 4.Sc3 d6 5.g3 c6 6.Lg2 Sbd7 7.0-0 0-0 8.e4 Dc7 9.h3 e5 10.d5 Sc5 11.Se1 a5 12.Sd3 Sfd7 13.Le3 Sxd3 14.Dxd3 f5?! Naheliegend, aber fragwürdig. Schwarz hat die folgende Kombination nicht gesehen.
Streich-Hofmann 14. Zug15.exf5 gxf5 16.dxc6 bxc6 17.Sb5 Alles andere wäre Feigheit. Schwarz ist gezwungen, die Qualität zu geben, weil sonst der Bauer d6 fällt. Mir war bewusst, dass das schwarze Gegenspiel gefährlich werden kann. 17…cxb5 18.Lxa8 f4! 19.gxf4 Vermutlich war das Schlagen auf  f4 falsch. Vorsichtiger war 19. Ld2. Aber die Stellung ist hochkompliziert. 19…exf4 20.Ld4 Se5! 20… bxc4 wird mit 21. Ld5+ nebst Dxc4 beantwortet. 21.Lxe5 Lxe5 22.cxb5? Wenn Schwarz jetzt die Nerven behält, steht er auf Gewinn. 22…Kh8? Die Prophylaxe führt ins Verderben. Stattdessen hätte er mich mit 22… Dg7+ 23. Kh1 Dh6 vor unlösbare Probleme gestellt. 23.Tac1 Dg7+ 24.Kh1 Dh6 Zu spät. Jetzt kann ich die Qualität vorteilhaft zurückgeben. 
Streich-Hofmann 24. Zug25.Txc8! Txc8 26.Ld5! Nimmt das Feld g8 ins Visier. 26…Lxb2 Hofft auf Tc3 mit Angriff auf h3. Aber ich bin schneller. 27.Tg1 Lg7 Deckt das drohende Matt auf g8. Mein folgender Zug ist der Hammer. 28.Df5! 
Streich-Hofmann 28. Zug28… Tb8 Was sonst? Auf 28… Tc3 folgt 29. Df8+ Lxf8 30. Tg8++ und 28… Tf8 scheitert an 29. Dxf8+. 29.b6 Der Matchwinner. Der Turm ist an die 8. Reihe gefesselt. 29…Df6 30.Dxf6 Auch 30. Dd7 hätte gewonnen. 30…Lxf6 31.b7 Lg7 Verkürzt das Leiden. Mit 31… Ld4 32. Tc1 La7 hätte Schwarz noch eine Weile zappeln können. 32.Tc1 1-0

6 Gedanken zu „18. Neckar-Open“

  1. Cooler Bericht mit tollen Impressionen. Im modernen Schach entscheiden oft Kleinigkeiten über wohl und wehe. Das weiß seit gestern auch Magnus Carlsen, der in eine gute Vorbereitung von Caruana lief – sah ein wenig aus wie Zufall, war gewiss das Ergebnis harter Heimarbeit. Wenn Deine Frau Brigitte nicht meutert darfst Du gern öfter zu Schachturnieren reisen…

  2. Dass mit der „harten Heimarbeit“ ist die Crux, Uwe. Ich habe manchmal am Brett gesessen und das Gefühl gehabt, ich hätte das Schachspielen total verlernt. Zweimal griffen meine Gegner zum Morra-Gambit. Darauf hatte ich mich vor 20 Jahren intensiv vorbereitet. Mit meiner rudimentären Erinnerung war ich jetzt aufgeschmissen. Beim ersten Mal in Deizisau überlegte ich an meinem 8. Zug eine Dreiviertelstunde. Irgendwie gelang es mir, meine Stellung zu retten und gewann später die Partie. Beim zweiten Mal lehnte ich das Gambit durch 3… d3 ab, errang eine gute Stellung und verlor aus anderen Gründen. Wenn ich bei solchen Turnieren erfolgreich sein möchte, muss ich wie in jungen Jahren Theorie pauken. Ob ich mir das noch einmal antue, weiß ich nicht.

  3. Da das Morra-Gambit ja nur eine Überleitung in Alapin (nach 3.c3 Sf6! oder auch 3.c3 d5), seh ich das Problem nicht so ganz. Als alter Theohäretiker gehe ich solch abstrus verpflichtenden Varianten ja gänzlich ausm Weg … Da die Eröffnungen auf meinem Niveau noch keine ausschlaggebende Bedeutung haben (im Vergleich zum Niveau von Kramnik Carlsen und co.), würde ich eigentlich denken das dies bei deiner Spielstärke auch so ist.

    Und das der „Theorie pauken“ Ansatz nicht das Allheilmittel sein kann, zeigte ja u.a. Richard Rapport sehr gut, der mit Offbeat aus allen Lagen (1.Sc3, 1.b3, …) z.T. sehr starke Gegnerschaft hinwegfegte.

  4. „Offbeat aus allen Lagen“ hat seine Grenzen. Wenn man sich den Aufstieg von Magnus Carlsen anschaut… Bis etwa 2700 hat er das auch hingekriegt, vielleicht nicht ganz so krass mit 1.b3, aber eben sozusagen „aus dem Handgelenk“. An dieser Grenze jedoch ist er eine Zeitlang stagniert und hat auch seine Eröffnungen umgestellt. Das Ergebnis sieht man heute: Er dominiert das Schach, „überlebt“ die Eröffnungen (frühere Meister haben sie ja oft eher geprägt!) und gewinnt halt in Zug 40+ aus ausgeglichener Stellung – weil er es kann! (und es ihm offenbar auch egal ist)

    Insgesamt sehe ich es ähnlich wie Torben: Ein Komplettrepertoire ist heutzutage eine mühsame Angelegenheit, einen gewissen Durchblick sollte man haben, Pragmatismus (zB 2…Sf6 wie beschrieben) nutzen und dann eine schöne und spannende Partie spielen. Wenn schon die jungen Leute das machen, dürfen wir Altherren das auch!

  5. Zum Thema „Morra-Gambit“ kann ich eine Episode beisteuern. Die Eröffnung zählt zu den Raritäten, insofern ist die Wahrscheinlichkeit, in einem Turnier zweimal auf Gegner zu treffen, die diese anwenden, eher gering. Aber es kam noch dicker. Beim ersten Mal hieß der Gegner in der 4. Runde Martin Koch (ELO 2027). Den konnte ich mühsam besiegen. Beim zweiten Mal hieß der Gegner in der 8. Runde Stefan Watzenberger (ELO 2046). Jetzt kommt’s: Wer saß mir in dieser Runde schräg gegenüber? Richtig: Martin Koch! Was spielte der? Richtig: Morra-Gambit! Zweimal Morra-Gambit nebeneinander ist etwas für Stochastiker (Prof. Norbert Henze). Kochs junger Gegner (ELO 2129) kannte sich offenbar aus. Eine Weile habe ich überlegt, einfach dessen Züge zu kopieren. Aber das war mir dann doch zu blöd. Deshalb gab ich mit 3… d3 den Bauern zurück. Die Partie meiner Nachbarn endete remis. Ich verlor. – Als bekennender Anhänger des Wortwitzes muss ich noch eine Pointe loswerden. Am Nachbarbrett hieß die Begegnung: Koch-Hecht. Bei dem Koch zog es ständig wie Hechtsuppe!

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