SFH3 – SK Wennigsen: Je oller, je doller

Der Kampf unserer dritten Mannschaft gegen den SK Wennigsen ist nun schon fast eine Woche her – trotzdem fand ich ihn bemerkenswert genug, um Euch hier noch davon zu berichten.

Es werden in diesem Jahr 30 Jahre, seit denen ich in Vereinen Schach spiele, die meiste Zeit davon bei den SFH. Da lehnt man sich in einem schwachen Moment schon mal aus dem Fenster und glaubt: Viel Neues kommt nicht mehr. Kennste alles schon. Ich werde alt. Und so weiter…

Bei unseren letzten Mannschaftskämpfen wurde ich eines besseren belehrt. In der 5. Runde hat die Dritte gegen den Blindenverein SK Turm gespielt: Im Sperrmüll-Ambiente eines abgewrackten Hinterzimmers der Kleefelder Raucherkneipe „Bei Edgar“. Kompliment an Martin für seinen diplomatischen Bericht dazu! Vergleichbares ist mir in 30 Jahren nicht untergekommen (den Raum 10 im FZH sehe ich seither mit anderen Augen). Dann die 6. Runde, maximaler Kontrast: Mit der ersten Mannschaft in Lüneburg! Bei Lüneburg spielt – infolge eines ziemlich dubiosen Spielverbots für Bundesliga und 2. Liga – am ersten Brett Falko Bindrich, ein Großmeister mit nicht weniger als ELO 2577. Man ahnt es bereits: Das ist mir in 30 Jahren noch nicht untergekommen.

7. Runde, zurück in den „Niederungen“ der Bezirksklasse. Durch herausragende Spielstärke stach auf dem Papier niemand hervor. Dafür durch Alter: Lässt man bei unserem Gast, dem SK Wennigsen, ein paar Bretter außen vor, dürfte der Rest der Mannschaft einen Schnitt von 75, wenn nicht 80 Jahren aufgewiesen haben. Nee, an vergleichbares kann ich mich auch hier nicht erinnern.

Einer der rüstigen Wennigser Senioren war mir schon in der letzten Saison besonders aufgefallen, und auch diesmal spielte er gegen Martin am vierten Brett die längste Partie. Die Rede ist von Günter Heimberg. Für eine knallharte Recherche keine Kosten und Mühen sparend, habe ich den Mann gerade mal gegoogelt, und erfahre in den Calenberger Online News: Der jetzt 87-jährige hat 2013 das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ erhalten, für seine „besonderen Verdienste um das Allgemeinwohl und sein Engagement für den Sport in den vergangenen 60 Jahren“. Heimberg wurde 1949 Mitbegründer des Schachklubs Wennigsen, nachdem er sich in dreieinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft intensiv dem Schachspiel gewidmet hatte. Von 1952 bis 2013 war er über sechs Jahrzehnte 1. Vorsitzender seines Vereins, unter anderem organisierte er in Wennigsen Großveranstaltungen wie die Deutsche Damenmeisterschaft 1961 oder den Niedersächsischen Schachkongress 1955. Kurzum: Als ich 1984 gerade erst anfing, hatte der Mann schon 35 höchst aktive Vereinsjahre auf dem Puckel. Und wenn ich im Jahr 2054 noch so gut und vital Schachspielen können sollte wie ein Günter Heimberg jetzt, wäre ich wohl ganz zufrieden.

Für leuchtende Vorbilder unter älteren Jahrgängen bräuchte ich natürlich gar nicht erst bis zum Deister zu schauen. Auch bei den Schachfreunden wird man fündig, und auch bei unserem Mannschaftskampf gegen Wennigsen: Hermann Schulz fuhr mit forschem Angriffsspiel einen flotten Sieg ein und leitete so den ungefährdeten Erfolg unserer Dritten ein. Umso respektabler, weil Hermann von einer Augenoperation noch deutlich gezeichnet und beeinträchtigt war. Sollte sein Gegner später geträumt haben, von  einem einäugigen Piraten überfallen worden zu sein, würde es mich nach dieser Partie nicht wundern.

Freddy setzte schon durch bloße Anwesenheit ein positives Signal: Noch zwei Tage zuvor sah es danach aus, dass er sich in der zweiten Mannschaft festspielen müsste – die Aufstiegsambitionen unserer Dritten hätte das nicht gerade untermauert. Stattdessen steuerte er nun einen wichtigen Sieg am zweiten Brett gegen den nominell stärksten Wennigser Bernd Haletzki bei, welcher im Vorjahr noch Andreas Herrmann ein Remis abgetrotzt hatte. Mit Weiß und aus seiner bekannten Eröffnung heraus verfügte Freddy bald über einen Mehrbauern, der als Isolani auf e3 allerdings von allen Schwerfiguren des Gegners ins Visier genommen wurde. Das hätte ein langwieriges Endspiel werden können, doch als der Wennigser auch noch seine verbliebenen Bauern mobil machte, nutzte Freddy geschickt die Gelegenheit zu einem schwerwiegenden Konter gegen den schwarzen König.

Peter dürfte in der gesamten Bezirksklasse (im gesamten Bezirk?) der Spieler mit der weitesten Anreise sein. Erfreulich, dass er mit seinem neuerlichen Erfolg dann die Weichen klar auf Mannschaftssieg stellte, nachdem Willi und André guten Gewissens mit ihren Gegnern Punkteteilungen vereinbart hatten. Bei 4:1-Führung und vielversprechenden Aussichten auf den übrigen Brettern  konnte auch ich selbst in Ruhe prüfen, ob sich aus jener Eröffnung, mit der ich in Lüneburg nach 10 Zügen remisiert hatte, vielleicht doch etwas mehr herausholen ließ. Nach 38 Zügen bescheinigt Fritz mir satte 0,68 Stellungsvorteil… Carlsen und Fritz hätten bestimmt noch weitergespielt, ich dagegen sah im Endspiel keine Verwertungsmöglichkeiten mehr und bot Remis.

Den vorletzten Punkt zu unserem ungefährdeten 6,5:1,5-Erfolg steuerte dann unser Mannschaftsführer bei – nachdem Ulrich in dieser Saison fast schon das Remis abonniert zu haben schien. Und schließlich musste dann auch Günter Heimberg feststellen, dass sein Läuferendspiel gegen Martin einfach nicht zu halten war. „Für mich kann eine Schachpartie so spannend sein wie ein Kriminalroman. Allerdings wird beim Schach im Gegensatz zum Krimi erst am Ende einer erledigt“, soll Heimberg in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Verdienstkreuzes gesagt haben. Mit seinen 87 Jahren hat er den Vorsitz in Wennigsen inzwischen wohl niedergelegt, wird aber in den Bezirkslisten immer noch mit einem Vorstandsamt aufgeführt: Als Jugendwart.

 

 

 

3 Gedanken zu „SFH3 – SK Wennigsen: Je oller, je doller“

  1. Toller Beitrag, Olaf. Nachdem du offenbar eine Woche im Sauerstoffzelt verbracht hast, schreibst du wieder so stilsicher wie zur legendären Zeit des Sonnenkönigs. Chapeau!

  2. Beim Lesen des Beitrages von Olaf habe ich exakt so gedacht, wie Gerhard es in seinem Kommentar formulierte.
    Das erinnerte mich auch daran, dass ich versprochen hatte, mal ein paar Sonnenkönig-Ausgaben hier online zu stellen. Allerdings wollte ich das Einscannen an trüben Winterwochenenden vornehmen, die waren irgendwie rar dieses Jahr…
    In der Ausgabe 2, die ich momentan gerade „bearbeite“, wimmelt es übrigens nur so von Siegen des Beitragerstellers Olaf.

  3. …und ich dachte lange Zeit, dass der Statistik-Button, der 68 Jahre als Durchschnittsalter des Teams Wennigsen angibt, auf einem Fehler basiert (zB 1 Spieler mit Alter 200 Jahre geführt o.ä.). DANKE an Olaf für die tolle Recherche!

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