Limburger Reminiszenzen

Ein durchgeknallter Limburger Läufer, äh Bischof, beherrscht derzeit die Schlagzeilen. Bevor ich mich den eigenen spätpubertären Zeiten widme, möchte ich das Tagesgeschehen mit einem Gedicht angemessen würdigen. Zu Limburg passt ein Limerick wie ein Adventskranz unter eine Kapellenkuppel. Ich habe mich erstmals an das schwierige Versmaß aabba gewagt:

Limburger Limerick

Ein Merkwürden aus Limburg an der Lahn,

Der hatte sich, Gott vergelt’s, bei den Baukosten vertan;

Er säte Prunk

Und erntet nun Stunk

Für seinen sündhaft teuren Größenwahn.

Anno 1980 haben wir uns in Limburg von der sportlichen Seite gezeigt. Mein Gott, waren wir jung. Und stark. Verdammt stark. Und langhaarig. Und voller Flausen. Wir wollten die Welt retten (was uns bis heute gelungen ist). Es war das vorletzte Jahr vor Helmut Kohl, die Grünen gründeten im Januar eine richtige Partei und Franz Beckenbauer wechselte für 1,35 Millionen Mark von Cosmos New York zum Hamburger Sportverein. Ich war frisch verheiratet, und das bin ich heute noch. Nicht mehr ganz so frisch. Aber immer noch verliebt.

Meine Liebe zum Schach ist nie verloschen, auch wenn es im Laufe meines Lebens andere Prioritäten gab und gibt. 1980 hatten wir die Idee, an einem der stärksten Blitzturniere in Deutschland für 4er-Mannschaften teilzunehmen. Wir konnten zwei annähernd starke Mannschaften aufstellen. Wir waren damals (meistens) die Besten in Niedersachsen. Vier Mannschaftstitel geben Zeugnis davon. Bei diesem Turnier konnte sich vor allem Peter Panzer ausgezeichnet in Szene setzen. Mit diesem Motivationsschub war ihm der Weg vorgezeichnet, den Titel eines Internationalen Meisters zu erwerben. Das Turnier haben wir nicht gewonnen, aber wenn ich mich recht entsinne, haben sich beide Mannschaften gut platziert.

Auf drei digitalisierten Fotos kann ich euch ein bisschen von der Stimmung zeigen. Die halbe Truppe ist noch immer in unserem Verein aktiv. Einer hat sich vom Schach vor längerer Zeit zurückgezogen. Es ist der Sitzende auf dem mittleren Foto. Mit ihm müsst ihr euch gut stellen, wenn ihr in Hannover wohnt. Er leitet das Finanzamt-Mitte.

Limburg-01

Stufenweise von links nach rechts vorm Portal des Limburger Doms: Harald Behrens, Gerhard Streich, Horst-Peter Anhalt, Jürgen Siegmann, Andreas Wetjen, Achim Cablitz, Michael Geveke und Peter Panzer

Limburg-02

Stehend von links nach rechts: Gerhard Streich, Michael Geveke (verdeckt), Horst-Peter Anhalt, Achim Cablitz, Peter Panzer, Harald Behrens und Jürgen Siegmann (sitzend)

 Limburg-03

Der Bruderkampf (von links nach rechts): Anhalt-Geveke, Cablitz-Behrens, Streich-Siegmann, Panzer-Wetjen

Ergänzt am 18.10.2013 als Antwort auf Horst-Peters 1. Kommentar:

Limburg-Hohle-Gasse

Das perfekte Outfit 

Ja. Ein Fotoshooting in Limburgs steilen Gassen macht es deutlich. Achim Cablitz war damals so perfekt gekleidet, dass er mehrmals mit Schlagersänger Jürgen Marcus verwechselt wurde. Dagegen benahm sich der Deutsche Jugendmeister Michael Geveke flegelhaft. Er streckte meiner kleinen Minox-Kamera die Zunge entgegen.

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Ergänzt am 16.09.2015

Andreas Wetjen, der Mann mit dem Lehrerbart (roter Pfeil)
Andreas Wetjen, der Mann mit dem Lehrerbart (roter Pfeil)

10 Gedanken zu „Limburger Reminiszenzen“

  1. Im Gegensatz zur heutigen Situation wurde seinerzeit übrigens auch regelmäßig über unsere Ergebnisse im Sportteil der hannoverschen Zeitungen berichtet. Wir stellten nicht nur zwei der besten Blitzmannschaften in Niedersachsen, sondern waren, wie die wahrhaft historischen Fotos zeigen, auch die Mannschaften mit dem hervorragendsten Outfit und dem besten Aussehen.

  2. Bevor ihr die Neue Presse oder die HAZ vom Montag zum Altpapier legt, solltet ihr euch die Beilage „Steuern und Finanzen“ ansehen. Mittendrin gibt es auf zwei Seiten einen Artikel über das Finanzamt Hannover-Mitte. Dazu gehören zwei Fotos und ein Interview mit dem „Vorsteher“ desselben. Das ist derselbe, ewig junge Mann, den ich euch in meinem Beitrag empfohlen habe: Jürgen Siegmann. Jürgen gehört übrigens zu den wenigen Schachspielern, denen es geglückt ist, eine echte Schachspielerin zu heiraten. Martina heißt sie.

    1. Wer heute die HAZ aufschlägt, findet eine sehr traurige Nachricht: Jürgen Siegmann ist tot. Vor einem Jahr sind wir uns zuletzt im Maschpark begegnet. Er war während seiner Mittagspause mit dem Crossrad unterwegs. Er fuhr gern Rad. Semiprofessionell. Als wir uns trafen, war er das blühende Leben. „So einer stirbt nie“, denkt man unwillkürlich. Und jetzt das. Mit 61 Jahren.

      Wir haben über alte Zeiten geredet und über seinen Job als Leiter des Finanzamts Mitte. Jürgen las regelmäßig unser Blog. Nun ist Schluss. Mein Mitgefühl gilt vor allem seiner Frau Martina. Zwei starke Schachspieler als Ehepartner ist eine Seltenheit. Es ist lange her, dass sich Jürgen vom aktiven Schachspielen und aus unserem Verein zurückgezogen hat. Was bleibt, sind Erinnerungen. Unser Ausflug nach Limburg gehört dazu.

  3. Ein Jahr ist vergangen. Grund genug für die HAZ, erneut Jürgen Siegmann in der heutigen Printausgabe zu Wort kommen zu lassen. Dazu gibt es ein riesengroßes Foto von ihm. Wer glaubt, Jürgen sieht noch immer so aus wie damals in Limburg, liegt richtig. Jürgen gehört zu den glücklichen Menschen, die nicht altern. Weder von außen noch von innen.

    Dass Jürgen hervorragend Schachspielen konnte, möchte ich euch anhand einer spektakulären Kurzpartie zeigen, die er bei unserer legendären Vereinsmeisterschaft 1981 gegen keinen Geringeren als den späteren Internationalen Meister Peter Panzer gewann.

    Es war eine Vereinsmeisterschaft der Superlative. Der Preisfond betrug 700 DM, nach jeder Runde gab es ein Bulletin mit lauter interessanten Zahlen. Ein paar davon haben noch immer einen gewissen Informationswert. Die acht Spieler, die ihr vor dem Portal des Limburger Doms seht, haben allesamt mitgespielt. Dazu gesellten sich Manfred Küver, Klaus Franke und Karlheinz Klemens. Souveräner Meister mit 8:2 Punkten wurde Dr. Horst-Peter Anhalt. Peter Panzer teilte sich trotz der Niederlage gegen Jürgen den 2. Platz mit Manfred Küver (je 6,5:3,5 Punkte). Mit Schwarz wurden 23 Partien gewonnen, mit Weiß lediglich 18. Die Remisquote betrug 25%. Die längste Partie dauerte 6:21 Stunden (Panzer ½ Wetjen), die kürzeste 1:18 (Panzer 1-0 Cablitz). Mit Abstand schnellster Spieler war Achim Cablitz mit einer verbrauchten Gesamtzeit von 10:53 Stunden. Das entspricht einem Schnitt von 1:52 Minuten pro Zug. Die meiste Zeit benötigte ich mit 21:15 Stunden (Schnitt 3:23 Minuten pro Zug), knapp gefolgt von Michael Geveke (21:14 Stunden). Für seinen Sieg erhielt Horst-Peter 300,00 DM. Das entsprach einem Stundenlohn von 14,27 DM.

    Mit weiteren Zahlen will ich euch nicht verwirren. Dafür gibt’s jetzt dieses Feuerwerk:

  4. Ich habe soeben erfahren, dass Andreas Wetjen vergeblich versucht hat, an dieser Stelle einen Kommentar zu schreiben. Versuch’s noch einmal, Andreas! Wir freuen uns auf deine Lebenszeichen. Dir zu Ehren habe ich das Foto vergrößert (siehe Beitrag).

    1. Mit Limburg verbinde ich vor allem die Sensation, daß wir, die Provinzmannschaft SFH II, die damalige deutsche Nummer 1 im Blitzen, Königsspringer Frankfurt I, geschlagen haben! Begonnen hat es damit, daß mir nach 2 Zügen auffiel, daß bei meinem Gegner, IM Heß, Dame und König vertauscht waren. Daraufhin bemühte ich mich, unter Zuhilfenahme eines Springeropfers die richtige Linie zu öffnen, schlug seinen König (was damals noch ging) und informierte meine Mannschaftskameraden nach 5 Zügen: “1-0“. Das gab natürlich etwas Unruhe, auch bei den Frankfurtern. Insbesondere bot mein Gegner an, mir den geopferten Springer wiederzugeben und an der Stelle mit richtiger Aufstellung weiterzuspielen. Dieser und weitere Vorschläge standen aber im Widerspruch zur aktuellen Blitzschachordnung, weshalb ich sie kühl ablehnte (“cool“ war ich damals noch nicht). Daraufhin verlegte er sich aufs Schimpfen, was aber auch nicht weiterhalf – im Gegenteil, möglicherweise hat er seine Kameraden damit auch nervös gemacht. Jedenfalls holten Jürgen und Harald noch 1,5 Punkte. Nur Michael an Brett 1 hatte gegen “Podz Blitz“ keine Chance. Endstand also: 2,5-1,5 für uns!
      Daraufhin ging mein Gegner zum Schiedsrichter und beschwerte sich über die falsche Anfangsaufstellung: abgelehnt. Dann fand er noch 2 Gründe zur Beschwerde: abgelehnt. Aber als er sich schließlich beschwerte, daß die weißen Läufer einen schwarzen Kopf und die schwarzen Läufer einen weißen Kopf hatten, wurde seiner Beschwerde stattgegeben! (Obwohl sie schon so ausgesehen haben, als er mit ihnen das Spiel aufgenommen hatte.) Jedenfalls mußte auf Anweisung des Schiedsrichters die Partie wiederholt werden.
      Da die Runden inzwischen abgeschlossen waren, stand halb Deutschland um unsere zweite Partie herum. So viele Zuschauer habe ich davor und danach nie wieder gehabt! Wir spielten Spanisch, das Tschigorin-System, in der man die ersten 12 Züge herunterspielt und dann zu überlegen beginnt. Mein Gegner sammelte Stellungsvorteil auf Stellungsvorteil, ich sparte Sekunde für Sekunde. Das Ende vom Lied war, daß mein Gegner in deutlich überlegener Stellung die Zeit überschritt. Endstand also immer noch: 2,5-1,5 für uns!
      Anschließend habe ich den Schiedsrichter gefragt, ob er seine Entscheidung zur Partiewiederholung immer noch für richtig hält. Das hat er zu meiner Beruhigung verneint.

  5. Das ist eine Geschichte, die das Leben schreibt. Danke Andreas, ich hatte sie vergessen, jetzt ist sie zurück in meinem Gedächtnis. Dass die Veröffentlichung nun geklappt hat, verdanken wir unserer Relaisstation (Michael G.) in Baku. Gestern Abend hatte Andreas nämlich wieder vergeblich versucht, seinen Kommentar unserem Blog anzuvertrauen. Die Ursache habe ich jetzt entdeckt: Andreas‘ Kommentar ist automatisch im Spam-Ordner gelandet! Das ist merkwürdig, denn üblicherweise landen Erstkommentatoren beim Verfasser eines Beitrags und werden dann – sofern unverdächtig – freigeschaltet.

    Warum Andreas‘ E-Mail-Adresse von unserem Spam-Filter ohne Rückfrage aussortiert wurde, ist mir ein Rätsel. Vielleicht sollte Andreas die Adresse ändern. Jedenfalls habe ich in unserem Spam-Ordner gewühlt, seinen Kommentar gefunden und ihn zum Leben erweckt. – Andreas spielt übrigens auch in der Landesliga, allerdings in der Gruppe Nord. Dort ist er in der 2. Mannschaft vom SK Union Oldenburg aktiv.

    Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ein einziges Mal gegen Andreas eine Turnierpartie gespielt. Das war im Jahr 1983 bei unserer hochkarätig besetzten Vereinsmeisterschaft. Die Partie hat Pfeffer, deshalb möchte ich sie euch zeigen. Andreas möge mir verzeihen, dass sie zu seinen Ungunsten ausging.

    1. Meine Mail-Adresse zu ändern, habe ich für die nähere Zukunft nicht geplant.
      Daß ich auch mal eine Partie gewinne, zeigt das folgende Beispiel http://chess-db.com/public/pinfo.jsp?id=24679240&lan=11 von 1983. Ich habe dort gegen einen Bernd Peter Gahntz gespielt, der anscheinend unter Beobachtung der Tschechen stand (weil er auch in der Bundesliga spielte). Vermutlich stammt er aus dem Berliner Raum, und als Turnier ist RLN angegeben. Es kann nur ein Mannschaftskampf gewesen sein. Meine Frage ist nun: Was hatten die SFH damals mit der Regionalliga Nord zu tun?

      1. Hallo Andreas, vielleicht hing anfangs etwas Oldenburger Pinkel an deiner E-Mail-Adresse, wodurch deine Kommentare sofort im Spam-Ordner landeten. Jetzt funzt sie, ohne mein Zutun. – Deine Partie gefällt mir. Ich hatte nie einen Zweifel, dass du gewinnen kannst. Was wir damals mit der Regionalliga Nord zu tun hatten, ist leicht beantwortet: Wir haben dort gespielt, weil wir dafür qualifiziert waren. Ende der Achtzigerjahre sind wir sogar in die 2. Bundesliga aufgestiegen.

  6. Damals gab es noch Ost und West.
    Niedersachsen spielte die RLNS gemeinsam mit Bremen und Berlin.
    Hamburg und Schleswig-Holstein bildeten die RLNN.
    Für die Schachvereinigung waren die Fahrten nach Berlin legendär und meines Wissens immer(!) niederlagenfrei!

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