Schachfundus Hannover (3)

Vor einer Woche haben wir in der Oberliga gegen Hannover 96 gespielt. Insider wissen, dass es sich dabei um den ehemaligen Polizei Schachclub handelt. Gegen diese Polizisten haben wir bereits vor ewigen Zeiten in der Oberliga gespielt. Damals wurden sie sonntagsmorgens mit Blaulicht ans Brett gekarrt (kleiner Scherz). Die Endphase einer Partie aus dem Jahre 1985 möchte ich euch zeigen. Sie ist in vielerlei Hinsicht lehrreich. Vor allem im Hinblick auf die Psychologie.

Die Eröffnung hatte ich misshandelt. Zur Strafe plagte ich mich mit einer passiven Stellung. Mit meinem letzten Zug 28. … Td7-e7 hatte ich eine Mini-Drohung aufgebaut: der Läufer auf e2 hing. Kein Grund zur Panik sollte man denken. Dem weißen Raumvorteil tat das keinen Abbruch. Mein nächster Zug war jedoch eine Keule, die Weiß bis ins Mark traf. Fortan benahm er sich wie das Kaninchen vor der Schlange und fügte sich wie gelähmt in sein Schicksal.

Jeder hat schon einmal so dämlich gestanden wie ich anfangs in dieser Partie. Unter Menschen ist das kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen bzw. die Figuren vorzeitig in die dafür vorgesehene Schachtel zu packen. Ein überraschender Zug kann die Lage schlagartig ändern – wie diese Partie beweist. Maschinen hingegen würden ihren Vorteil gnadenlos umsetzen.

Freunde pittoresker Varianten kommen selbst nach dem abrupten Ende nicht zu kurz. Eine Schachpartie kann wieder lebendig werden, umso mehr, wenn man sich damit beschäftigt, was passiert wäre, wenn sie einen anderen Verlauf genommen hätte.

Schwarz setzt matt in 6 Zügen!

Ahlvers, Ullrich (PSC) - Streich, Gerhard (SFH) Oberliga Niedersachsen/Bremen, 1985
Ahlvers, Ullrich (PSC) – Streich, Gerhard (SFH)
Oberliga Niedersachsen/Bremen, 1985

29…Te3! Ein frecher Zug. Mit 29. Sd2-f1 statt Sb3 hätte Weiß den Spuk verhindern können. 30.Lxf6?! Weiß wird nervös. Der Tausch kommt mir entgegen. Besser war: 30.Tc3 Txc3 31.Dxc3 Lxd4 32.Sxd4+= 30…Sxf6 31.Sd4 Weiß ahnt nicht, welche Gefahr vom eingedrungenen Turm ausgeht, sonst hätte er sofort den Tausch angestrebt: 31.Tc3 De7 32.Txe3 Dxe3 33.Td3 De7 34.c6+= 31…Dc7! Jetzt droht Ungemach. Weiß steht mittlerweile kritisch. 32.Lf1 [32.Dd2 Sge4!! 33.Dxe3 Dg3+ 34.Kh1 (34.Kf1 Dxh3+ 35.Kg1 Dg3+ 36.Kf1 Sxg4!! 37.Dg1 Sh2+ 38.Dxh2 Dxh2 39.fxe4 dxe4+-) ] 32…Sfe4! 33.fxe4 Txh3 34.Se2?? Hilfsmatt in einem Zug. In Zeitnot findet Weiß nicht den einzigen Zug, der ihn am Leben gehalten hätte: 34. Kg1. Weiß stünde zwar auf Verlust, aber es wäre für mich noch ein hartes Stück Arbeit mit vielen Fallstricken geworden. Nach dem folgenden Diagramm mit der Mattstellung zeige ich einige der spannenden Varianten. 34…Dh2#

Ahlvers, Ullrich (PSC) - Streich, Gerhard (SFH) Schlussstellung nach 34...Dh2#
Ahlvers, Ullrich (PSC) – Streich, Gerhard (SFH)
Schlussstellung nach 34…Dh2#

Wer Zeit und Lust hat, möge sich die Stellung nach 35. Lg2 aufbauen und ohne eine Maschine zur Hilfe zu nehmen den weiteren Verlauf analysieren. Es ergeben sich phantastische Varianten. Einige davon habe ich für euch aufgezeichnet:

34.Kg1 Dg3+ 35.Lg2 Te8! (35…dxe4 36.Kf1 Th2 37.Df2 Dxg4 38.De2 Dg3 39.Df2 Dg4=) 36.Te1 Txe4 37.Txe4 dxe4 38.Kf1 (38.Df2? Th1+! 39.Kxh1 Dxf2+-) 38…Df4+

A) 39.Ke1 Te3+ 40.Se2 Dh2 41.Kf1 (41.Kd2? Txe2+ 42.Kxe2 Dxg2+ 43.Ke3 Dxb2+-) 41…Tf3+ 42.Lxf3 exf3 43.Ke1 Se4! 44.Kd1 f2 45.Kc2 f1D 46.Txf1 Dxe2+ 47.Kb3 Sxc5+ 48.Ka3 Dxf1+-

B) 39.Kg1 Dh2+ 40.Kf1 Tg3 41.Df2 (41.Tc3 Sh3 42.Txg3 Dg1+ 43.Ke2 Df2+ 44.Kd1 Dxb2 45.Lxh3 Dxd4+) 42…Sh3 43.Lxh3 Dxh3+ 44.Ke1 Tg2 45.Df1 (45.Dxg2 Dxg2 46.c6 bxc6 47.bxc6 Dg1+ 48.Kd2 Dxd4+ 49.Kc2 Db6+-) 45…Dg3+ 46.Kd1 Tg1+-

So schön und anstrengend kann Schach sein.

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