Wolfsburg: Partienachlese (1)

Brett 7: Bergmeier, Olaf – Degen, Wladimir nach 19.De3

Diagramm 1

Für die ersten 19 Züge hatte ich bereits rund 1:45 Stunden meiner Bedenkzeit verbraten, ohne das Geschehen auch nur halbwegs zu durchschauen. Wladimir Degen spielte die Partie bis hierhin und ab dem 22. Zug tadellos – Respekt, er gewann hochverdient! Aber: Ausgehend von der Diagrammstellung tappt auch er für ein paar Züge im Dunkeln, was mir im 21. Zug gar den vollen, danach längere Zeit den halben Punkt auf dem Präsentierteller anreicht: 19….Dxb2 20.Sc4 Wie so oft, stellt sich der Bauer b2 als reichlich vergiftet heraus. Die schwarze Dame hat kaum sinnvolle Rückzugsmöglichkeiten. Fritz empfiehlt 20….Db5, aber welches Wesen aus Fleisch und Blut stellt seine Teuerste freiwillig in einen solchen Springerabzug? Eher drängt sich 20….Df6 auf, doch nach 21.Se5 droht Weiß nicht nur Sd7, sondern hat mit g4 oder Tc7 auch freundliche Angriffsoptionen, die den Minusbauern allemal aufwiegen sollten. Dennoch war Df6 hier das deutlich kleinere Übel – der Partiezug 20….Da2?? bedeutet Matchball für Weiß!

Tags zuvor war ich über www.sochi2014.fide.com gerade Augenzeuge geworden, wie Magnus Carlsen den Bockzug Kd2 fabrizierte und Vishy Anand die Riesenchance mit dem Bauernzug a4 dramatisch verpasste. Meine Güte, Sxe5 sieht doch jeder, so oder ähnlich dachten wohl viele. Nun, liebe Freunde des gepflegten Blunders, hier ist mal wieder die Gelegenheit: Wie nutzt Weiß am Zug in der Diagrammstellung den schwarzen Fehlgriff aus?

Diagramm 2

21.g4? Versemmelt! A tempo gespielt, ich hatte ja nur noch wenig Zeit… Aber ehrlich gesagt: Auf 21.Ld1!+–  wäre ich vermutlich auch bei deutlich längerem Nachdenken kaum gekommen. Es droht Lb3 nebst Damenverlust, was Schwarz nur durch Figurenopfer verhindern kann, z.B. 21….Lxa3 oder 21….Tc8 22.Lb3 Lc5 23.Dxc5 Txc5 24.Lxa2 b5 25.Td1 g5 26.Se3 gxf4 27.Sxf5 Txf5, jeweils mit weißer Gewinnstellung. Jaja, immer schön alle Kandidatenzüge finden! Nun, äh… Meine Chancen als nächster Herausforderer des Weltmeisters muss ich wohl noch einmal neu überdenken, fürchte ich. Immerhin, einen Vorteil hat das Dasein in den Niederungen: Während Carlsen und Anand ihre Fehlgriffe sofort bemerkten und letzterer fortan fast schon im Schockzustand agierte, ahnten hier beide Akteure quasi: nix und hatten ungeachtet des Ausgangs ihren Spaß am Fortgang der Partie. Es folgte: 21…Lb1? 21…Lc2 sieht auch verdächtig aus, gefällt Fritz aber besser. 22.f5 Erneut ging 22.Ld1, aber jetzt hätte Schwarz – wenn er sie denn findet! – die Riposte 22….Lh4! 23.Lb3 Lxf2+ 24.Dxf2 Dxb3 25.Sd2 Dxa3 26.Txb1. Der Partiezug ist in diesem Fall wohl die bessere Wahl. 22…b5 Der Wolfsburger schlug später die Alternative 22…Lc5!? vor. Die Aussichten nach 23.Dxc5 Dxe2 24.Txb1 Dxg4+ 25.Kf1 Dh3+ 26.Ke2 Td8 27.Se3 Dh5+ 28.Ke1 Dxh2 kann ich schlecht einschätzen.

Diagramm 3

23.fxe6! Lg6! Für einen Moment zeigen sich mal beide Akteure der Stellung gewachsen. Hier ging 23…bxc4? nicht wegen 24.exf7+ Txf7 25.Lxc4 Db2 26.Te1+–, interessant war aber noch 23…f5?! mit der relativ forcierten Folge 24.Sb6 Le4 25.Sc8 Lxa3 26.e7 Te8 27.Td1 Lxe7 28.Sxe7+ Txe7 29.f3 De6 30.fxe4 Dxe4 (30…fxe4 31.Dc5 e3 32.Td6 Df7) 31.Td8+ Kf7 32.Df2 g6 33.Lf3. Die weiße Mehrfigur wird kaum zum Gewinn reichen, aber der halbe Punkt scheint sicher. 24.exf7+ Lxf7 24…Txf7? 25.Se5 Dxa3 26.Sxf7 Dxe3 27.fxe3 Lxf7 28.Tc8+ Lf8 29.Ta8 b4 30.Txa6+– 25.Dxe7 bxc4 26.Td1 Fritz schlägt hier ganz ruhig 26.Lf1 vor, wonach Schwarz nicht so viel hat – z.B. scheitert 26….Te8?? direkt an 27.Dxe8++–. Aus praktischen Gesichtspunkten (knappe Zeit!) war 26.Td1 dennoch richtig, um die Ereignisse zu forcieren und wenn schon keinen vollen, dann zumindest per Dauerschach einen halben Punkt mitzunehmen. 26…h6! Hier hatte Schwarz wenig Auswahl, um Td8 zu parieren.

Diagramm 4

27.Lf3 In den Analysen nach der Partie als möglicher Verlustzug kritisiert, doch der kommt erst später… Trotzdem: Stärker war hier 27.Td7!, was Schwarz erneut wenig Optionen lässt: 27….c3 (27…Db1+?! 28.Kg2; 27…Db3 28.Tc7 Db1+ 29.Lf1 unklar) 28.Td8 Txd8 29.Dxd8+ Kh7 30.Ld3+ g6 31.Df6 Db3 und nun der entscheidende, von mir übersehene Remisbringer: 32.Lc2!. Dass der Partiezug Lf3 auch seinen Sinn hat, zeigt sich bei einem Blick auf die andere naheliegende Alternative: 27.Td8 Txd8 28.Dxd8+ Kh7 29.De7 Da1+ 30.Kg2 (30.Lf1 Lg6–+) 30…Ld5+ 31.Lf3 (31.f3 Dd4 32.Kg3 c3 33.Dd7 De5+ 34.Kf2 unklar) 31…Dd4 32.Kg3 Lxf3 (32…Dd3 33.De3) 33.Kxf3 c3 34.De2 ebenfalls unklar. 27…c3 28.Td8 Db1+! 29.Kg2 Txd8 30.Dxd8+ Kh7 31.Dc7 Db3 32.Le4+ Lg6 33.Lxg6+ Kxg6 34.Dd6+  Oder 34.Dc6+ Kf7 35.Dd7+ Kf6 36.Df5+ (36.Dd6+ De6 37.Dd4+ De5 38.Dc4) 36…Ke7 37.De5+ Kd7! 38.Dxg7+ Kc6 39.Dxh6+ Kb5 40.Dh5+ Ka4 41.Dc5 Db7+ 34…Kh7 35.Dd3+ Kh8

Diagramm 5

In all diesen Abwicklungen führen viele Wege zum Remis. Bloß nicht mein folgender Partiezug: 36.Dd8+?? Schmeiß weg! 36.Dxa6! c2 (36…Dd5+ 37.f3 Dd2+ (37…Kh7 38.De2 Dd2 39.Kf2 Db2 40.Ke3 c2 41.Dd3+ mit Remis) 38.Kg3 c2 39.Dc8+ Kh7 40.Df5+ und Dauerschach. 36…Dg8 –+ 37.Dc7 Dd5+ 38.Kg3 38.f3 Dd2+ 39.Kf1 Dd3+ 40.Kf2 c2 41.Db8+ Kh7 42.Df4 Kg8 43.h4 (43.Db8+ Kf7) 43…Dc3 38…Dd3+ 39.Kf4? Danach ist es völlig hinüber, aber auch 39.Kg2 De4+ 40.f3 Dd3 41.Kg3 c2 42.h4 Dd1 43.Dc8+ Kh7 44.Df5+ Kg8 45.De6+ Kf8–+ reicht nicht mehr. 39…c2 40.Dc8+ Kh7 41.Ke5 De2+ 42.Kd4 Dd2+ 43.Ke4 c1D Die folgenden Racheschachs hätte ich mir schon sparen können, aber was soll‘s: 44.Df5+ Kg8 45.De6+ Kf8 46.Df5+ Ke7 47.De5+ Kd8 0–1

Fazit: Die Partie war jetzt nicht gerade ein Ruhmesblatt für mich – gefallen hat sie mir trotzdem, wie auch der ganze Mannschaftskampf viel geboten hat, siehe den Bericht von Gerhard. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie sich ein solcher trüber Novembersonntag besser gestalten ließe – kleiner Wink an den einen oder anderen (?) aus unserer Ersten, der vielleicht, also rein eventuell, an meiner Stelle hätte spielen können!

 

 

 

2 Gedanken zu „Wolfsburg: Partienachlese (1)“

  1. Feffernitz war gestern der Schauplatz für einen Blackout, der sämtliche Patzer aller Landesligaspieler vom Wochenende in den Schatten stellt. Supergroßmeister Richard Rapport (2716) spielte mit Schwarz gegen den uns gut bekannten IM Ilja Schneider (2487), der die Farben des weltberühmten Ortes namens Wulkaprodersdorf vertritt. Nachdem Richard Rapport im 18. Zug die Qualität gewonnen hatte, stand er bereits klar auf Gewinn. Zehn Züge später, als der Rechner seine Stellung mit rund 6 Pluspunkten einschätzte, leistete er sich mit 19…Le8?? einen kapitalen Fehler, der mindestens 4 Fragezeichen verdient hätte. Nahezu jeder andere Zug hätte gewonnen. Ilja wird’s recht sein. Seht selbst:

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