Ein Punktgewinn in Lingen war möglich

Der SV Lingen ist die überragende Mannschaft in der Oberliga Nord-West. Der Aufstieg in die 2. Bundesliga Nord stand bereits vor der letzten Runde fest. Die meisten Gegner wurden haushoch geschlagen. So wäre gestern für uns alles andere als eine hohe Niederlage eine Überraschung gewesen, sofern die Lingener mit ihren Titelträgern antreten würden. Das taten sie bis auf GM Vladimir Epishin, der diesmal fehlte. Wir mussten hingegen im letzten Moment improvisieren. Unser Mannschaftsführer, Thomas Edel, war von mehreren Viren befallen worden. So sprang ich virenfrei ein und musste mich am 8. Brett mit einer jungen Dame auseinandersetzen.

Bevor ich mit meiner Berichterstattung über unsere 3:5 Niederlage fortfahre, zeige ich euch dieses Bild unserer Mannschaft, das kurz vor unserer Abfahrt aufgenommen wurde:

So sehen Verlierer aus, wenn sie trotzdem zufrieden sind. Sogar unser Tom war zu Späßchen aufgelegt, obwohl er gerade nach über 6 Stunden zähen Ringens gegen GM Lev Gutman verloren hatte. Ich bin davon überzeugt, dass er die Partie zumindest remis halten konnte. Aber das ist im Nachhinein leicht gesagt. Das gilt auch für den einen oder anderen halben Punkt, den wir womöglich liegengelassen haben. Nachdem Jörg und ich zeitgleich remisiert hatten, war auf den anderen Brettern noch alles offen:

Bretter 4-1
Bretter 5-6

Derweil analysierte Jörg seine Partie mit seinem Gegner:

FM Aleksandar Milosovic mit Schwarz gegen Jörg

Ich zog es vor, Lingen zu erkunden. Noch nie zuvor in meinem Leben war ich in dieser Stadt, die schließlich auch zu Niedersachsen gehört. Aber es ist halt das Emsland. Auf Mallorca kennen wir Hannoveraner uns besser aus. Dabei kann sich Lingen wirklich sehen lassen. Ein paar Schnappschüsse von meinem Rundgang zeige ich euch in der Bildergalerie. Dabei ist die Nähe zu Holland anhand der Bauweise für Reihenhäuser auszumachen. Irgendwie praktisch, andererseits komisch. Das Auto wird kurzerhand unter dem Schlafzimmer geparkt. Fehlt nur noch eine Stange wie bei der Feuerwehr, an der man schnellstmöglich nach unten rutschen kann.

Auf die Bewertung der Partien werde ich in einem gesonderten Beitrag eingehen, sobald mir die Notationen vorliegen. Dennies Niederlage am 1. Brett und mein Remis am 8. Brett möchte ich vorab kommentieren. Dennie hatte es mit Großmeister Milos Perunovic aus Serbien (Elo 2596) zu tun. Dennie hatte sich wie immer gut vorbereitet, aber nicht gut genug. Sein Gegner kannte sich in der Benoni-Verteidigung besser aus und just in dem Moment, als Dennie von einem Remis träumte, setzte dieser zu einem Mattangriff in 7 Zügen an. Dennies König wurde zu einer Wanderung nach g6 gezwungen. Dort stand er Tête-à-Tête dem schwarzen König auf g8 gegenüber. Das Matt mit Dame h7 wollte sich Dennie nicht mehr zeigen lassen.

Ich hatte mit einer jungen Dame namens Hannah Möller die vermeintlich leichteste Aufgabe. Pustekuchen. Es wurde die ausgeglichenste Partie meines Lebens. Logische Folge: Remis. Guckt ihr hier nach 32 Zügen:

Hannah Möller (SV Lingen) 1/2 – 1/2 Gerhard Streich (SF Hannover)

Das kommt dabei raus, wenn niemand einen schwachen Zug macht. Die ersten 10 Züge waren in der Theorie kein Neuland; der Rest war auf beiden Seiten immer folgerichtig. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich eine andere Eröffnung gewählt. Hätte, hätte, … ihr wisst schon. Aber meine junge Gegnerin (U 18) ist keine blutige Anfängerin. Im Gegenteil. In der Lingener Tagespost gab es im vergangenen Jahr einen Artikel über sie mit der Überschrift:

Lingenerin Hannah Möller spielte schon mit drei Jahren Schach

Als ich drei Jahre alt war, kannte ich nur Drogen, Alkohol und Sex. Kleiner Scherz. Nee, die Hannah spielt richtig gut, u.a. in der 2. Frauenbundesliga beim SC Steinfurt.

Der schönste Moment bei meinem Aufenthalt in Lingen war das Wiedersehen mit einem Schachfreund, der Hannover und damit unseren Verein vor 44 Jahren verlassen hatte und aus beruflichen Gründen nach Lingen gezogen war: Manfred Rockel.

Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Er hat nichts von seiner Ausstrahlung verloren. Immer positiv gestimmt, immer geistreich, immer umtriebig. Manfred hatte Geschichte und Englisch an der TU in Hannover und in Bristol studiert, bevor es ihn als Pädagoge ins Emsland verschlug. Dort hat er bis heute ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Wahlheimat, wie ich seinem Gedichtband „Emsiges Land“ entnommen habe, das er mir geschenkt hat. Wer mehr über Manfred erfahren möchte, sollte auf seiner Webseite stöbern: http://www.manfredrockel.de/

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Auszug aus dem SCHACHKURIER der Schachfreunde Badenstedt, veröffentlicht im Mai 1970; siehe meinen Kommentar vom 17. April 2018:

15 Gedanken zu „Ein Punktgewinn in Lingen war möglich“

  1. Auch ich fand das einen spannenden Sonntag, obwohl der Tag um 8 Uhr begann und erst um kurz vor 22 Uhr endete. Beeindruckend fand ich wie unser Team (Gerhard und mich mal ausgenommen) mit offenem Visier gegen teils deutlich stärkere Gegner um den Sieg kämpfte.
    Kleine Anmerkung für Dich Gerhard: Du musstest ja auch noch gegen das rosa Einhorn kämpfen! 😉

    1. Ja, meine Gegnerin war gut vorbereitet. Wenn ich richtig gezählt habe, hatte sie vor sich auf den Tisch 8 Kugelschreiber als Reserve hingelegt. Man weiß ja nie…

  2. Unser Leben ist die Summe unserer Begegnungen

    … und das Schachspiel ist der Kitt. – Manfred Rockel hat mir erzählt, dass er beim Googeln auf unser Blog gestoßen ist. Dabei hat er das Foto gefunden, das ich Ende 2016 veröffentlicht hatte; guckt ihr hier: http://www.schachfreunde-hannover.de/fussball/

    Das war 1969. Damals stand Manfred Rockel neben mir. Wer genau hinschaut, wird entdecken, dass sich Manfred im Gegensatz zu mir kaum verändert hat. Wie es der Zufall will, stand Manfred nicht nur bei dieser Gelegenheit an meiner Seite, sondern auch ein Jahr später im Rahmen unserer Vereinsmeisterschaft. Dazu zeige ich euch oben einen Auszug aus unserem Schachkurier, der damals von Heinz-Jürgen Gieseke herausgegeben wurde.

    Apropos Zufall. Manfred hat unseren Mannschaftskampf in Lingen extra in der Hoffnung besucht, mich dort anzutreffen. Normalerweise hätte ich gar nicht gespielt und wäre Manfred auf Erden womöglich nie wieder begegnet, wenn nicht im letzten Moment ein Haufen Viren unseren Mannschaftsführer befallen hätte.

  3. Die kleinste Hoffnung ist besser als die schlimmste Befürchtung (Mark Twain)

    Wer den Unterschied zwischen Pessimismus und Optimismus verstehen möchte, sollte sich die aktuellen Beiträge auf der Webseite des SV Werder Bremen angucken.

    Die 2. Mannschaft verabschiedet sich trotz eines Sieges in der letzten Runde aus der 2. Bundesliga: „Am Ende stand ein 5:3 Erfolg, welcher den Schmerz des nicht zu verhindernden Abstiegs nicht wirklich dämpfen konnte“, heißt es zum Schluss. Dabei steht die 2. Mannschaft auf einem Nichtabstiegsplatz. Das gleiche gilt für die 3. Mannschaft:

    „In der Abschlusstabelle blieb Werder 3 auf dem achten Platz und hat damit sportlich den Klassenerhalt geschafft“, heißt es in deren Beitrag, „gleichwohl droht der Abstieg „Am Grünen Tisch“. Die Drohung ist dann aus der Welt: „Wenn der HSK aus der 1. Bundesliga absteigt, haben beide Werder-Mannschaften den Klassenerhalt geschafft.“

    Während die 2. Mannschaft den Abstieg als unvermeidbar darstellt (Pessimismus), klammert sich die 3. Mannschaft an den Strohhalm des Klassenerhalts (Optimismus). Das Orakel beziffert die Hoffnung auf rund 3 %.

  4. Bezeichnend, dass die jugoslawisch geprägte Lingener „Söldnertruppe“ in einem Unteroffiziersheim spielt. 😉

    …das übrigens gleichzeitig das „Haus der Vereine“ ist…

  5. Werder 3 hat keinesfalls sportlich den Klassenerhalt geschafft, und von einem drohenden Abstieg „am Grünen Tisch“ kann keine Rede sein.
    Aus der 2. Bundesliga steigen immer drei Mannschaften ab, Platz 8 ist somit im Regelfall – soll heißen: HSK 1 bleibt in der 1. Bundesliga – kein Nichtabstiegsplatz. Wenn zwei Mannschaften aus der 2. Bundesliga in die Oberliga Nord Staffel West absteigen – neben Werder 2 auch Oldenburg auf Platz 10 -, müssen aus dieser Oberligastaffel drei statt im Regelfall zwei Mannschaften absteigen, hier also auch Werder 3 auf Platz 8. Dass nicht zwei Mannschaften desselben Vereins in der Oberliga spielen dürfen, hat damit doch nichts zu tun.

  6. Auch wenn dein Steckenpferd die Besserwisserei ist, Hans-Joachim, heißt das nicht, dass du immer recht hast. Sportlich hat Werder 3 den Klassenerhalt in der Oberliga geschafft, denn aus der Oberliga Nord steigen grundsätzlich die zwei Letztplatzierten Mannschaften jeder Staffel ab (Turnierordnung 2.3.3 Abs. 1). Dass aus der 2. Bundesliga immer drei Mannschaften absteigen, ist richtig, hat aber zunächst nichts mit der Oberliga zu tun. Entscheidend ist das Junktim mit weiteren Mannschaften des eigenen Vereins.

    Wäre die Oberligamannschaft nicht Werder 3, sondern Werder 1, hätte sie sportlich den Klassenerhalt geschafft! Insofern ist die Aussage von Matthias Krallmann auf der Webseite der Werderaner richtig.

    Dass Matthias Krallmann vom „Grünen Tisch“ spricht, mag einerseits den Vereinsfarben geschuldet sein, andererseits der zweifelhaften Regelung des Zwangsabstiegs. Der Witz ist ja der, dass Werder 2 als Drittletzter nach der Turnierordnung absteigen müsste, aber dann nicht absteigt, wenn HSK 1 aus der 1. Bundesliga absteigt, weil dann wiederum HSK 2 als Viertletzter aus der 2. Bundesliga zwangsabsteigen müsste. Das ist kompletter Blödsinn und damit praxisuntauglich. Eine Änderung der Turnierordnung wäre im sportlichen und im logischen Sinne eine Wohltat.

    1. Das ist falsch. Werder Bremen III wäre auch aus der Oberliga abgestiegen, wenn nicht Werder Bremen II, sondern eine andere Mannschaft aus Niedersachsen oder Bremen aus der 2. Bundesliga abgestiegen wäre.

    2. „Das ist kompletter Blödsinn und damit praxisuntauglich. Eine Änderung der Turnierordnung wäre im sportlichen und im logischen Sinne eine Wohltat.“

      Problem 1: Es sind nur zwei Mannschaften eines Vereins in der 2. Bundesliga zugelassen. Das ist zunächst mal eine willkürliche Festlegung, allerdings auch mit dem Sinn eine Wettbewerbverzerrung zu vermeiden. Gut, dann lässt man halt zwei Mannschaften zu. Und was passiert, wenn dann noch eine dritte Mannschaft hinzu kommt (die ich z.B. dem HSK durchaus zutrauen würde)?

      Problem 2: Wenn es eine feste territoriale Zuordnung der Mannschaften in der Oberliga Nord gibt, wird es immer wieder zu Härten bei den Absteigern kommen. In der einen Saison gibt es nur einen Absteiger (weil in der 2. Bundesliga alle Niedersachsen die Klasse halten). Ein Jahr später läuft es nicht rund, es steigen drei niedersächsische Mannschaften in die Oberliga ab und es gibt vier Absteiger. Bei einer variablen Zuordnung der Oberliga verschiebt sich das Problem allerdings nur eine Ebene tiefer auf die Landesebene.

      Eine Aufstockung auf 11 oder 12 Mannschaften führt zu neuen (Termin-) Problemen. Also, dann bin ich mal auf die gute und praxistaugliche Lösung gespannt … 😉

  7. Hallo, dies ist ein lieber Gruß an die Schachfreunde Hannover, für die vor knapp 50 Jahren aktiv war.
    Wir hießen damals Schachfreunde Badenstedt und spielten in einer Gaststätte an der Badenstedter Str., dann in der „Linde“ im alten Davenstedt. Die Spielabende dort am Freitag gingen nicht um Mitternacht zu Ende, sondern wurden für einige in einer Doppelkopfrunde im Imbisslokokal von Mitglied Günther Fischer bis in die Morgenstunden fortgeführt. Außergewöhnlich auch eine Fußballmannschaft aus Schachspielern, wobei uns ein Spiel sogar nach Göttingen führte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich als führerscheinloser junger Mann in dem sportwagenähnlichen Ford Mustang von Gerhard Streich mitfahren durfte.
    Hier in Lingen spielte ich 40 Jahre nicht im Verein Schach, bis ich vor drei Jahren wieder aktiv wurde und in die 4. Mannschaft (von sechs) eingereiht wurde.
    Über die Wiederbegegnung mit Gerhard sowie über seinen herzlichen Beitrag habe ich mich sehr gefreut, vielen Dank!

    1. Lieber Manfred,

      dass unsere gemeinsame Zeit nicht fruchtlos war, konnte ich anhand deiner Vita zurückverfolgen. Wer weiß, vielleicht hätte sich deine künstlerische Ader ohne das Schachspiel nie entwickeln können? Dein Gedichtband „Emsiges Land“ hat mich dazu inspiriert, dein Leben nach unserer Trennung in fünf Zeilen aufzuarbeiten:

      Emsiger Limerick

      Ein Schachfreund aus Hannover an der Leine
      Zog einst gen Westen ganz alleine.
      Da rief jemand: „Brems!“
      Das war an der Ems.
      Nun schreibt er Gedichte nördlich von Rheine.

      Übrigens war der sportwagenähnliche Ford Mustang ein Ford Taunus GT, Farbe maisgelb.

  8. @ Der 43-jährige Löser

    Warum soll eine Regel, die in unteren Klassen gang und gäbe ist, nicht auch in der Oberliga und in der 2. Bundesliga funktionieren? Das heißt, zwei Mannschaften eines Vereins dürfen in einer Klasse spielen; bestes Beispiel: Verbandsliga Ost. Die 1. Mannschaft vom SC BS Gliesmarode ist aufgestiegen, die Zweite ist abgestiegen. Wo ist das Problem? Und sollten es ausnahmsweise drei Mannschaften sein, wird es auch kein Problem geben. Der Wettbewerb regelt die Angelegenheit von ganz allein.

    Was nicht sein darf, ist eine Kollektivhaftung. Die haben wir derzeit. Selbst wenn Werder 3 hinter dem SV Lingen den zweiten Platz belegt hätte, wäre deren Abstieg auf Grundlage der derzeitigen Turnierordnung besiegelt. Die ganze Saison einer Mannschaft ist damit für die Katz‘. Das darf nicht sein. Jede Mannschaft eines Vereins hat sozusagen ein Selbstbestimmungsrecht. Das wird ihr möglicherweise durch Ergebnisse, auf die sie keinen Einfluss hat, genommen. Ein Spieler einer unterklassigen Mannschaft darf nicht benachteiligt werden.

    Dein Beispiel mit dem verschärften Abstieg aufgrund der Landeszugehörigkeit zieht nicht, weil diese Härte nichts mit Zwang zu tun. Es entscheidet allein der Tabellenplatz und nicht die Vereinszugehörigkeit.

    1. Statt des Zwangsabstiegs bin ich für den Zwangsaufstieg. Wenn also Werder 2 den Platz in der 2. Liga freimacht steigt Werder 3 zwangsweise in die 2. Liga auf. So tauschen beide Werdermannschaften nur die Plätze und alles bleibt beim alten. Lingen darf dagegen nicht aufsteigen, weil der Aufstiegsplatz ja schon an Werder 3 ging.

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